Walter von Reichenau

Walter von Reichenau
Walter von Reichenau. Aufnahme aus dem Jahr 1941

Walter von Reichenau (* 8. Oktober 1884 in Karlsruhe; † 17. Januar 1942 in Poltawa) war ein deutscher Heeresoffizier (seit 1940 Generalfeldmarschall). Er war seit 1933 federführend bei der Eingliederung der Reichswehr in den NS-Staat tätig. Während des Zweiten Weltkrieges war Reichenau als Armee- und Heeresgruppenoberbefehlshaber an führender Stelle an Kriegsverbrechen in der Sowjetunion beteiligt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Kaiserreich und Erster Weltkrieg

Reichenau war der Sohn eines preußischen Generalleutnants. Nach dem Abitur 1903 trat er in das preußische Heer ein. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Reichenau Adjutant des 1. Garde-Feldartillerie-Regiments und in dieser Stellung wurde er noch im Verlauf des Jahres 1914 zum Hauptmann befördert und mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet. Im folgenden Jahr wurde er zum Generalstab versetzt und im Lauf des Jahres 1915 diente er als Zweiter Generalstabsoffizier (Ib) der 47. Reserve-Infanterie-Division sowie anschließend als Erster Generalstabsoffizier (Ia) der 7. Kavallerie-Schul-Division.

Weimarer Republik

In der Zeit vom Waffenstillstand bis zu seiner Übernahme in die Reichswehr war Reichenau Generalstabsoffizier beim Grenzschutz Ost in Schlesien und Pommern.

Bis Anfang der 1930er Jahre wurde Reichenau dann in verschiedenen Stellungen verwendet, 1924 zum Major und 1929 zum Oberstleutnant befördert. Seit 1930 war er Chef des Stabs im ostpreußischen Wehrkreis I/1. Infanterie-Division, dessen Befehlshaber Werner von Blomberg, der spätere Reichswehrminister war. Am 1. Februar 1932 erfolgte die Beförderung zum Oberst.

Zeit des Nationalsozialismus

Vorkriegszeit

Walter von Reichenau. Aufnahme aus dem Jahr 1933

Bereits vor der Machtergreifung knüpfte Reichenau Kontakte zur NSDAP.[1] Ab 1933 ging auch Reichenaus Karriere voran: Mit der Ernennung Blombergs zum Reichswehrminister wurde er am 1. Februar 1933 Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium. In dieser Position kündigte er die politische Neutralität, die die Reichswehr gegenüber allen Regierungen der Weimarer Republik gezeigt hatte auf, und formulierte die Parole: „Hinein in den neuen Staat, nur so können wir die uns gebührende Position behaupten.“[2] Am 1. Februar 1934 wurde er dann im Zuge der Umstrukturierung der Reichswehr Chef des neugeschaffenen Wehrmachtsamtes unter Ernennung zum Generalmajor und blieb damit engster Berater Blombergs.

Zunächst hatte Reichenau keinerlei Berührungsängste gegenüber der SA, mit der er schon 1933 im ostpreußischen Grenzschutz gut zusammengearbeitet hatte. Im Juni 1933 legte er Pläne für einen „Wehrstaat“ vor, in dem die gesamte Jugend in Wehrsport, vormilitärischer Ausbildung und Wehrpflicht militärisch gedrillt werden sollte. In diesem Konzept sollte die SA die gesamte Rekrutenausbildung übernehmen. Er handelte mit dem SA-Chef Ernst Röhm aus, dass seine Organisation das Reichskuratorium für Jugendertüchtigung übernehmen sollte, eine bereits 1932 gegründete Tarnorganisation zur Aufrüstung. Sie sollte künftig dem SA-Obergruppenführer Friedrich-Wilhelm Krüger unterstehen. Mit diesem Konzept brach Reichenau mit der traditionellen Vorstellung vom Militär als „Schule der Nation“. Die künftige Reichswehr stellte sich der modern und pragmatisch denkende General vielmehr als Organisation der bewaffneten Spezialisten der Kriegführung vor. Die SA-freundliche Haltung Reichenaus zeigte sich auch in seiner Weisung vom Oktober 1933 an die Wehrkreiskommandos, die Interessen der SA möglichst zu berücksichtigen. [3]

Erst im Februar 1934 geriet Reichenau mit Röhm in Konflikt, dem er unterstellte, die Kompetenz für Mobilmachung und Kriegführung für seine Truppe zu verlangen und der Reichswehr nur mehr die militärische Ausbildung überlassen zu wollen. Damit schien die Monopolstellung der Reichswehr als einzigem „Waffenträger der Nation“ bedroht. Daher drängte Reichenau gemeinsam mit Blomberg am 27. Juni 1934 Hitler zum Handeln: Die SA musste entmachtet werden, ebenso die konservativen Eliten um den ehemaligen Vizekanzler Franz von Papen, die einer völligen Machteroberung der Nationalsozialisten noch im Wege standen. Als Papen um eine Audienz bei Reichspräsident Paul von Hindenburg für den 28. Juni 1934 nachsuchte, versetzten Blomberg, Reichenau und Reinhard Heydrich, der Chef des Sicherheitsdiensts der SS ihre Truppen in Alarmbereitschaft. Am 29. Juni 1934 wurden in den Röhm-Morden der Führungskader der SA ermordet, ebenso mehrere konservative Gegner des Regimes, darunter auch Kurt von Schleicher, General der Reichswehr und Vorgänger Reichenaus als Chef des Truppenamts. Reichenau gehörte mit Hermann Göring und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler zu dem „furchtbaren Triumvirat […], das an diesem 30. Juni 1934 über Leben und Tod entschied“: Die drei Männer gingen gemeinsam Namenslisten durch und entschieden durch Kopfschütteln oder Nicken, wer sterben musste.[4]

Nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 befahlen Blomberg und Reichenau allen Reichswehrangehörigen, einen persönlichen Treueeid auf Hitler abzulegen, ohne dass es dafür eine gesetzliche Grundlage gab. Ihnen kam es darauf an, das Bündnis zwischen Reichswehr und Führer noch enger zu schmieden und konkurrierende Machtansprüche von Partei und SS abzuwehren.[5]

Reichenau war maßgeblich am Aufbau der Wehrmacht und ihrem Einbau in den nationalsozialistischen Staat beteiligt.[1] Am 1. Oktober 1935 wurde er zum Kommandierenden General des VII. Armeekorps in München ernannt, verbunden mit der Beförderung zum Generalleutnant. Ein Jahr darauf erfolgte die Beförderung zum General der Artillerie. Im Jahr 1938 wurde Reichenau im Zusammenhang mit der Blomberg-Fritsch-Krise mit der Führung des Heeresgruppenkommandos IV in Leipzig betraut. Er war als Befehlshaber der 10. Armee am Einmarsch in das Sudetenland und später an der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ beteiligt.

Reichenau, der seit seiner ersten Begegnung mit Hitler 1931 zu dessen Bewunderern zählte,[6] „propagierte und förderte“ die Eingliederung der Reichswehr in das nationalsozialistische System wie „kein Zweiter“. Deshalb wird er von Historikern auch als (erster) „politischer General“ bezeichnet.[7] Er bekannte sich öffentlich zur „nationalsozialistischen Wehrmacht“, verlangte von Soldaten nationalsozialistische Weltanschauung und die Wahrung der „ewigen Werte unsres Volkstums von Blut und Rasse“.[1] Trotz dieser Bekenntnisse soll er nach Angaben seiner Mitarbeiter selbst kein überzeugter Nationalsozialist gewesen sein. Vielmehr zielte seine Militärpolitik darauf ab, den Berufsoffizieren eine starke Stellung im „wehrfreudigen“ NS-System zu sichern.[1]

Zweiter Weltkrieg

Von links nach rechts: Gerd von Rundstedt, Johannes Blaskowitz und Walter von Reichenau. Aufnahme aus dem Jahr 1939

Am Polenfeldzug nahm Reichenau als Oberbefehlshaber der 10. Armee, der Schwerpunkt-Stoßarmee auf Warschau, teil. Am 30. September 1939 erhielt er das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes[8], mit dem 1. Oktober 1939 wurde er zum Generaloberst befördert.

Im Westfeldzug 1940 kommandierte Reichenau die 6. Armee und nahm in dieser Stellung die Kapitulation Belgiens entgegen. Am 19. Juli 1940 wurde er nach dem Sieg über Frankreich zum Generalfeldmarschall ernannt.

Walter von Reichenau 1941 in der Ukraine
Kriegsverbrechen in der Sowjetunion

Im Krieg gegen die Sowjetunion propagierte Reichenau als überzeugter Anhänger Hitlers den „Weltanschauungskrieg“ gegen „Bolschewisten“ und Juden.[9] Er befehligte anfänglich die 6. Armee. In dieser Funktion trug er (Mit-)Verantwortung für Massaker in seinem Verantwortungsbereich: Am 22. August 1941 befahl Reichenau die Ermordung von 90 jüdischen Kindern in Belaja Zerkow, deren Eltern man erschossen hatte. Als der Wehrmachtsoffizier Helmuth Groscurth unter Umgehung des Dienstweges über das Schicksal der zunächst verschont gebliebenen Kinder eine eigene Entscheidung des Armeeoberkommandos verlangte, bestätigte Reichenau, dass auch die Kinder zu erschießen seien.[10]

Aufgrund enger Kontakte zum Führer des Sonderkommandos 4a, SS-Standartenführer Paul Blobel, kam es außerdem zur engen Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und Sonderkommando beim größten Massaker in der besetzten Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs, dem Massaker von Babyn Jar, bei dem über 33.000 Juden innerhalb von zwei Tagen getötet wurden (29./30. September 1941).

Am 10. Oktober 1941 erließ er den so genannten „Reichenau-Erlass“, der bis hinunter auf die Ebene der Kompanien verteilt und vorgelesen wurde:

„[…] Das wesentlichste Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System ist die völlige Zerschlagung der Machtmittel und die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis. Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen. Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden. […] Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben. Sie hat den weiteren Zweck, Erhebungen im Rücken der Wehrmacht, die erfahrungsgemäß stets von Juden angezettelt wurden, im Keime zu ersticken. […][11]

Adolf Hitler und Walter von Reichenau im Hauptquartier der 6. Armee in Shitomir. Aufnahme aus dem Jahr 1941

Adolf Hitler bezeichnete den Reichenau-Erlass als „ausgezeichnet“ und befahl allen Armeekommandanten an der Ostfront, Reichenaus Beispiel zu folgen. Aufgrund Hitlers Unzufriedenheit mit Gerd von Rundstedt wurde von Reichenau am 1. Dezember 1941 an Rundstedts Stelle zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd an der Ostfront ernannt. Sein Nachfolger bei der 6. Armee wurde auf Reichenaus Empfehlung, für viele überraschend, sein früherer Stabschef Friedrich Paulus.

Tod

Am 15. Januar 1942 erlitt Reichenau nach einem Waldlauf bei minus 40° Celsius einen schweren Schlaganfall. Auf dem Flug zur Behandlung nach Deutschland am 17. Januar 1942 starb Reichenau bei einer Bruchlandung des Flugzeugs in Poltawa.[12] Er wurde auf dem Berliner Invalidenfriedhof beigesetzt.

1944 erhielten seine Nachkommen eine Dotation an Grundbesitz im Wert von 1,01 Millionen Reichsmark.[13]

Literatur

  • Bernd Boll: Generalfeldmarschall Walter von Reichenau. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Band 1. Primus, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-083-2, S. 195–202.
  • Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Verlagf Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57982-6, S. 652f. (Kurzbiographie)
  • Brendan Simms: Walter von Reichenau. Der Politische General. In: Ronald Smelser, Enrico Syring (Hrsg): Die Militärelite des Dritten Reiches. 27 biographische Skizzen. Ullstein, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-548-33220-X, S. 423–445.
  • Robert Wistrich: Reichenau, Walter von (1884–1942). In: Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft und Militär, Kunst und Wissenschaft. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-24373-4, S. 275–277.

Weblinks

 Commons: Walter von Reichenau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. Verlag Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-57982-6, S. 130f.
  2. Zitiert nach Heinz Höhne: »Gebt mir vier Jahre Zeit«. Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches, Ullstein Verlag, Berlin 1996, S. 71
  3. Heinz Höhne: »Gebt mir vier Jahre Zeit«. Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches, Ullstein Verlag, Berlin 1996, S. 182, 208 f. und 224
  4. Heinz Höhne: »Gebt mir vier Jahre Zeit«. Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches, Ullstein Verlag, Berlin 1996, S. 266-275 (hier das Zitat)
  5. Heinz Höhne: »Gebt mir vier Jahre Zeit«. Hitler und die Anfänge des Dritten Reiches, Ullstein Verlag, Berlin 1996, S. 287
  6. Hans-Erich Volkmann: Von Blomberg zu Keitel — Die Wehrmachtführung und die Demontage des Rechtsstaates. In: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Verlag Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56383-1, S. 47–65, hier: S. 50.
  7. Brendan Simms: Walter von Reichenau. Der Politische General. In: Ronald Smelser, Enrico Syring (Hrsg): Die Militärelite des Dritten Reiches. 27 biographische Skizzen. Ullstein, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-548-33220-X, S. 423–445, hier: S. 424; und Deutsche Biographische Enzyklopädie. K. G. Saur, München/Leipzig 2007, ISBN 978-3-598-25030-9, Band 8, S. 262; und Alexander Mühle, Arnulf Scriba: Tabellarischer Lebenslauf von Walter von Reichenau im LeMO (DHM und HdG).
  8. Veit Scherzer: Die Ritterkreuzträger 1939-1945. Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S.618.
  9. Ernst Willi Hansen: Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Band 2: Das Zeitalter der Weltkriege. Verlag Oldenbourg, München 2007, ISBN 978-3-486-58099-0, S. 217.
  10. Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 111f; Christian Hartmann (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Beck, München 2005, ISBN 3-40652-802-3, S. 64.
  11. Sven Oliver Müller: Nationalismus in der deutschen Kriegsgeschichte. In: Jörg Echternkamp (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 9/2. ISBN 3-421-06528-4, S. 75f.
  12. Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich. Harnack, München 1983, ISBN 3-88966-004-5S. 214
  13. Gerd R. Ueberschär, Winfried Vogel: Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. Frankfurt 1999, ISBN 3-10-086002-0, S.?

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