Moordorf (Ostfriesland)

Moordorf (Ostfriesland)
Moordorf
Der Ortsteil führt kein eigenes Wappen
Koordinaten: 53° 29′ N, 7° 24′ O53.4752777777787.39944444444443Koordinaten: 53° 28′ 31″ N, 7° 23′ 58″ O
Höhe: 3 m ü. NN
Fläche: 6,15 km²
Einwohner: 6.436 (2008)
Eingemeindung: 1972
Postleitzahl: 26624
Vorwahlen: 04941, 04942
Karte

Lage Moordorfs in der Gemeinde Südbrookmerland

Moordorf ist eine Ortschaft in Ostfriesland. Sie ist seit der Gemeindegebietsreform von 1972 der größte Ortsteil der Gemeinde Südbrookmerland im Landkreis Aurich in Ostfriesland. Der Ort hat 6436 Einwohner (Stand: 1. Juli 2008) und liegt auf einer Höhe von etwa m ü. NN. Ursprünglich war Moordorf ein Straßendorf, entwickelte sich jedoch durch die Ausweisung neuer Baugebiete zu einer Streusiedlung.

Inhaltsverzeichnis

Geografie

Geografische Lage und Naturraum

Moordorf liegt im Osten der Gemeinde Südbrookmerland beidseitig der Bundesstraße 72. Der Verwaltungssitz der Gemeinde, Victorbur, befindet sich etwa drei Kilometer nordwestlich des Dorfes. Unmittelbar angrenzende Ortschaften im Uhrzeigersinn, beginnend im Nordosten: Georgsfeld, Walle, Extum (alle Stadt Aurich), Theene und Victorbur (alle Gemeinde Südbrookmerland).

Der Ort liegt etwa sechs Kilometer westlich der Stadt Aurich und achtzehn Kilometer nordöstlich der Stadt Emden inmitten des ehemaligen großen Hochmoorkomplexes des Münkeboe-Tannenhauser Moores, das sich früher nordwestlich von Aurich erstreckte, inzwischen aber fast vollständig abgetragen wurde. Im Ort selbst gibt es heute kein Hochmoor mehr. Reste dieses Moores haben sich unmittelbar an der Ortsgrenze erhalten, zählen aber zum Ortsteil Victorbur.

Der Ort ist heute von vielen Gräben durchzogen, die alle in den Abelitz-Moordorf-Kanal und den Ringkanal münden. Dieses Entwässerungssystem wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Zuvor hatten die Bewohner große Problem mit dem Wasser des Hochmoores, das von Norden ungehindert auf die Felder und in den Ort drückte, was die landwirtschaftliche Nutzung der minderwertigen Böden schwierig machte.

Klima

Moordorf liegt in der gemäßigten Klimazone. Das Gemeindegebiet steht hauptsächlich im direkten Einfluss der Nordsee. Im Sommer sind die Tagestemperaturen tiefer, im Winter häufig höher als im weiteren Inland. Das Klima ist insgesamt von der mitteleuropäischen Westwindzone geprägt.

Nach der effektiven Klimaklassifikation von Köppen befindet sich Norden in der Einteilung Cfb.

  • Klimazone C: Warm-Gemäßigtes Klima
  • Klimatyp Cf: Feucht-Gemäßigtes Klima
  • Klimauntertyp b: warme Sommer

Die nächstgelegene Wetterstation befindet sich in Aurich (siehe dort für weitere Informationen).

Geschichte

Ortsgeschichte

Die Goldscheibe von Moordorf aus der Bronzezeit

Die Sonnenscheibe von Moordorf

Die Anwesenheit von Menschen auf dem Gebiet des Ortes lässt sich erstmals für die Nordische Bronzezeit belegen. Eine dauerhafte Besiedlung der Moorflächen setzte jedoch nicht ein. Die Goldscheibe von Moordorf, auch Sonnenscheibe genannt, ist eine Skulptur, die in die zweite Periode der Bronzezeit (etwa 1500 bis 1300 v. Chr.) datiert wird. Sie wurde 1910 beim Torfgraben entdeckt. Heute gehört die Skulptur zum Bestand des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover.

Von der Moorkolonisation bis 1933

Urbarmachungsedikt.png

Nach dem Erlass des Urbarmachungsediktes durch König Friedrich II., der 1744 die Macht in Ostfriesland angetreten hatte, begann 1767 in der Südbrookmer Vogtei die Besiedlung von Moordorf. Die wüsten unbebauten Heidefelder und Moore, wurden von der Preußischen Verwaltung aufgeteilt und zwecks Kultivierung an Siedlungswillige vergeben. Im Gegensatz zu anderen Projekten der Binnenkolonisation der Preußen geschah die Besiedelung in Moordorf sehr unvorbereitet. Während etwa in den Fehnsiedlungen durch Kanäle für eine Entwässerung gesorgt und damit eine wichtige Voraussetzung für eine zügige Kultivierung geschaffen wurde, überließ man die ersten Siedler in Moordorf ihrem Schicksal.

Auch für die Auswahl der Siedler zeigten die staatlichen Stellen kein großes Interesse. Unter den ersten Kolonisten fanden sich viele mittellose Tagelöhner oder Heuerleute aus dem Umland, die der dortigen Überbevölkerung zu entkommen versuchten. Die Mehrheit der Siedler (70 Prozent) stammte aus Ostfriesland, die anderen aus den Provinzen Oldenburg und Hannover sowie dem übrigen Deutschland. Hinzu kamen ausgediente Soldaten aus dem Heer des Königs, von denen allerdings nur zwei dauerhaft in Moordorf verblieben. Sie wurden mit der Hoffnung auf eine eigene Landstelle gelockt.

Den ersten Siedlern wurden Grundstücke von 50 Ruten Breite (ca. 188 m) entlang des sogenannten Schwarzen Weges, einem Teilstück der von Aurich nach Norden führenden Heerstraße, zugewiesen. Diese sollten die Neusiedler dann in Richtung Moor verbreitern. Durchschnittlich waren die Kolonate zwischen 2 und 6 Diemat (etwa zwischen 11.400 und 34.200 m²) groß. Damit waren die Parzellen viel zu klein, um die Siedler zu ernähren.

Plan von Moordorf aus dem Jahr 1808

Hinzu kam, dass der unergiebige Boden durch die Moorbrandkultur schnell erschöpft war. So konnte die Erbpacht nicht mehr bezahlt werden. Viele Kolonisten versanken in Armut. Als Hauptursachen des Elends werden die weitgehend planlose Besiedlung ohne staatliche Kontrolle, die viel zu kleinen Kolonate, der Mangel an Infrastrukturmaßnahmen, wie die Anlage von Kanälen im Moor (siehe auch Fehnsiedlungen), die fehlende Siedlerauswahl und der unaufhörliche Zustrom mittelloser Siedler genannt. Dennoch wurde die innere Kolonisation des moorreichen Ostfrieslands im 18./19. Jahrhundert zu einem lohnenden Projekt für Preußen und die jährlichen Einnahmen der Preußen beliefen sich in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf stattliche 200.000 Taler bei nur geringen Investitionen. So wurden weiterhin Kolonate in Moordorf ausgewiesen. Dazu kam die wilde Besiedlung und die häufig praktizierte Teilung der ohnehin schon zu kleinen Grundstücke. Infolge von Geburtenüberschüssen und der nicht nachlassenden Zuwanderung nahm die Bevölkerung schnell sehr stark zu. Moordorf gehörte so zu den bevölkerungsreichsten Moorkolonien in Ostfriesland, war aber gleichzeitig deren ärmste. Bereits 1869 wurden in einer Untersuchung 49 Prozent der Einwohner als arm eingestuft. Durchschnittlich lag diese Zahl in den Moorkolonien bei 8 Prozent.[1]

Lehmhütte im Moormuseum Moordorf

In Moordorf spitzte sich die soziale Situation weiter zu. Der Ort gehörte zu den kinderreichsten und gleichzeitig ärmsten Dörfern Deutschlands. Die Siedler lebten in armseligen Lehmkaten, die oftmals aus nur zwei Räumen bestanden: einem Wohnraum und einem Stall. In diesen Hütten übernachteten nicht selten drei bis vier Kinder in einem Bett. Die große Armut des Ortes drückte sich auch in der Bekleidung aus, sodass die Moordorfer sofort erkennbar waren. Bis weit in den Herbst liefen die Kinder barfuß herum, und das, obwohl es im Moor wesentlich früher als in anderen Landstrichen friert. An schulische Bildung war bei den meisten Kindern nicht zu denken. Sie mussten schon früh zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Die Jungen und Mädchen landeten vielfach als Knechte oder Mägde beim Bauern, mussten bei den Eltern mitarbeiten oder betteln.

Die große Armut und die dadurch auftretenden Begleiterscheinungen, wie das Betteln und der Verkauf von selbstgeflochtenen Weidekörben und Trödel, führten zu vielen Gerüchten, welche von Historikern längst widerlegt sind. So hieß es lange Zeit, der Ort sei von Zigeunern – seinerzeit ein Schimpfwort – besiedelt worden oder eine Strafkolonie gewesen.

Die große Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste auch Moordorf. Mindestens 35 Personen verließen den Ort und suchten ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dass dies nicht immer freiwillig geschah, lässt sich für Moordorf in mindestens einem Fall belegen, in dem eine unerwünschte Person von der Armenverwaltung abgeschoben wurde.[2]

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, die Moorflächen im Ort zu entwässern. 1870 bis 1877 wurde dafür der 19,1 Kilometer lange Abelitz-Moordorf-Kanal angelegt, der von 1886 bis 1894 noch einmal vertieft wurde. 1885 wurde zudem noch der Ringkanal ausgehoben, der in Münkeboe beginnt und im Süden in den Ems-Jade-Kanal einmündet.

1883 wurde Moordorf über die Bahnstrecke Abelitz–Aurich an das Schienennetz angeschlossen. Diese entstand als Zweigstrecke der Küstenbahn (der heutigen Emslandbahn), um die damalige Provinzhauptstadt Aurich nicht ohne Bahnanschluss zu lassen.

In der Weimarer Republik gehörte Moordorf zu den Hochburgen der Kommunisten, die bei den Reichs- und Landtagswahlen über die Hälfte der Stimmen erhielten.[3] 1928 entfielen bei den Wahlen zum Preußischen Landtag 59 Prozent der Stimmen auf die KPD. Abgesehen von Emden war in Moordorf das aktivste und kämpferischste Potential der radikalen Linken in Ostfriesland konzentriert. Der KPD-Ortsverband von Moordorf war der zweitgrößte in Ostfriesland nach Emden. Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 hatte die KPD 48 Prozent der Stimmen im Ort erhalten.

Zeit des Nationalsozialismus

Bei den letzten Wahlen zum Gemeinderat am 12. März 1933 erhielt die KPD nochmals fünf von zwölf Sitzen, und der Vorsitzende der KPD-Ortsgruppe in Moordorf, Albert Meyer, wurde in den Kreistag gewählt. Ihre Mandate konnten die Abgeordneten jedoch nicht wahrnehmen. Das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 31. März 1933 vermerkt dazu: „Es wird bekanntgegeben, daß Mitglieder der K.P.D. nicht eingeladen werden dürfen.“[4] In der Folgezeit wurden die Kommunisten von den Nationalsozialisten stark verfolgt. Sie wurden als arbeitsscheues, asoziales, minderwertiges und vorbestraftes Gesindel verleumdet und hatten entsprechende Repressalien zu ertragen. Dabei stützte sich die nationalsozialistische Propaganda auf bestehende Gerüchte und sorgte für ihre Verbreitung.

Der Aufbau nationalsozialistischer Organisationen gestaltete sich in Moordorf schwierig. Vor Machtübergabe hatte die NSDAP in Moordorf zwei Mitglieder. Bis Ende 1933 traten etwa 50 ein. Bis 1938 hatte die NSDAP-Ortsgruppe 115 Mitglieder, was einem Anteil von unter 10 % der Dorfbevölkerung entsprach. Der langjährige Bürgermeister trat der Partei erst 1937 bei. So hatte der Ort nach 1933 für vier Jahre einen parteilosen Amtsträger an seiner Spitze.[5]

Im Jahre 1934 waren 24 Kommunisten verhaftet und 1937 noch einmal zehn ins Konzentrationslager eingeliefert worden. Im selben Jahr wurde in Moordorf im Gemeindehaus (dem früheren Armenhaus) ein Lager des nationalsozialistischen weiblichen Arbeitsdienstes eingerichtet, das erste Lager im Kreis Aurich (später RAD-Lager 8/81).

Im Ort selbst war die soziale Situation weiter schlecht. Bei einer Erhebung im Jahre 1935 wurden in Moordorf 406 bewohnte Häuser (darunter 17 Notwohnungen) gezählt. 273 Familien hatten nur einen Raum zur Verfügung.[2] Die Nationalsozialisten planten, dem mit einer gezielten Siedlungspolitik zu begegnen, bei der die 100 ärmsten, nicht „bauerfähigen“ Familien, in neu kultivierte Moorgebiete umgesiedelt werden sollten. Ihre Häuser sollten anschließend abgerissen und die Flächen an Siedler „guten Willens“ vergeben werden. Um diese Politik durchsetzen zu können, wurde die nationalsozialistische Propagandamaschinerie eingesetzt. Bereits 1935 veröffentlichte Horst Rechenbach, Leiter der Reichsstelle für Auswahl deutscher Bauernsiedler und zugleich Vertreter radikaler rassehygienischer Vorstellungen, einen Aufsatz, in dem er Moordorf als „eine Landplage, die die ganze Umgebung verpestet“ bezeichnet. Weiter heißt es, dieser „Schandfleck“ sei „nur durch eine eingehende erbbiologische Bestandsaufnahme(…) zu beseitigen“.[6] Diese „Untersuchung“ wurde dann in den Jahren 1935/36 von Rechenbach durchgeführt. Rechenbach erstellte einige Statistiken über Alkoholismus, Kriminalität, Schwachsinn und Verschuldung und erklärte: „Es ist überflüssig zu betonen, dass die besonders minderwertigen Familien sich durch die größten Kinderzahlen auszeichnen.“ So kam er denn zu dem Ergebnis, dass der Ort übervölkert sei. Von den 521 Familien seien nur 9,8 Prozent „erbbiologisch“ gut, 20,4 Prozent durchschnittlich, 16,1 Prozent bedenklich und 53,7 Prozent abzulehnen. Nur ein Drittel seiner Bewohner sei als Bauern tauglich. Er kommt zu dem Schluss: Es „ist festzustellen, dass es sich hier um das Beispiel einer völlig verfehlt angelegten ländlichen Siedlung handelt. [...] Es waren [...] asoziale Elemente des eigenen Volkes.“[7]

In der Folgezeit gab es verschiedene Ansätze, das „Problem Moordorf“ zu lösen. 1937 wurde das Gesundheitsamt Aurich beauftragt, daran mitzuwirken. Es ließ daraufhin von einem Hilfsarzt eine Schrift über die „Lösung des Asozialen-Problems durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ erstellen.[2] Unter Anwendung des gleich nach der Machtübernahme Hitlers eingeführten eugenischen Sterilisationsgesetzes wurden anschließend Moordorfer unter Berücksichtigung der Statistiken und Fragebögen Rechenbachs zwangssterilisiert. Zudem gab es Planungen, so genannte „minderwertige Familien“ in industriellen Gegenden als Arbeiter unterzubringen oder in den Osten umzusiedeln.

1940 wird der Ort Thema einer wissenschaftlichen Abhandlung. Ein aus Aurich stammender Mediziner reicht an der medizinischen Fakultät der Universität Hamburg eine Dissertation über das Thema „Erblichkeit der Asozialität“ am Beispiel Moordorfs ein. Auch diese „Arbeit“ kommt zum Schluss, dass „Asozialität in erster Linie anlagegebunden“ und damit erblich sei. Im Schlusswort spricht sich der Autor dafür aus, Asoziale der Zwangssterilisation zuzuführen.[6]

Während des Krieges wurde an der Ekelser Straße (etwa dort, wo sich heute der Marktplatz befindet) ein Kriegsgefangenenlager errichtet (AK 272 des Stalag X C).[2] Hier wurden später ausgebombte Bürger der Stadt Emden aufgenommen.

Zwischen 1933 und 1945 waren 70 bis 80 Dorfbewohner Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Dabei starb ein Moordorfer im Gefängnis, sieben oder acht in Konzentrationslagern, mehrere kamen in Strafbataillonen ums Leben. Im Krieg fielen 234 Moordorfer oder wurden als vermisst gemeldet. Insgesamt verlor etwa jeder dritte Mann aus dem Ort sein Leben.[8] Aufgrund des 1933 verabschiedeten Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurden in Moordorf von 1934–1943 nachweislich 59 Personen sterilisiert.[2]

Nachkriegsentwicklung

Nach 1945 diente das Barackenlager noch lange Zeit als Notunterkunft. Zudem wurden hier 121 Flüchtlinge notdürftig untergebracht. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung des Dorfes lag bei rund vier Prozent, weit unter dem Durchschnitt in Ostfriesland. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die damalige Gemeinde Moordorf auch nach dem Krieg zu den ärmsten in Niedersachsen gehörte. Die politischen Verhältnisse stabilisierten sich nur zögerlich. In den Jahren von 1946 bis 1959 hatte der Ort 12 Bürgermeister, ehe Richard Lüken das Amt antrat und bis zur Auflösung der Gemeinde innehatte. Anschließend wurde Lüken erster Bürgermeister der Gemeinde Südbrookmerland.

Einen entscheidenden Entwicklungsschub erfuhr der Ort mit der Errichtung des Volkswagenwerkes in Emden 1964, in dem in den 70er Jahren mehr als ein Viertel der Bevölkerung Beschäftigung fand. Durch den Wandel zu einer Arbeitersiedlung besserte sich allmählich auch der Lebensstandard in Moordorf. So wurden die letzten Lehmhütten in den 60er Jahren abgerissen oder mit Klinkersteinen ummauert.

In den folgenden Jahren entwickelte sich der Ort zum stärksten Wirtschaftszentrum der 1972 gebildeten Gemeinde Südbrookmerland. 1989 feierte der Ort den 222. Jahrestag seines Bestehens. Der 1996 errichtete Marktplatz, um den sich viele Geschäfte und Firmen ansiedelten, hat sich inzwischen zum Mittelpunkt des Dorfgeschehens entwickelt.

Entwicklung des Ortsnamens

Zu Beginn der Besiedelung wurde der Ort nach einem alten Handels- und Postweg, der von Marienhafe nach Aurich führte, als Kolonie am Schwarzen Weg benannt. Bedingt durch die Lage im Moor setzte sich schon ab 1771 der Name Mohrdorff, später Moordorf, durch.[2]

Einwohnerentwicklung

Durch die Ausweisung neuer Baugebiete stieg die Bevölkerung seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stark an. Heute leben in Moordorf 6436 Einwohner.

Jahr Einwohnerzahl[2]
1786 164
1801 254
1848 549
1869 787
1885 890
1905 1296
1935 2553
Jahr Einwohnerzahl
1946 2759
1950 2948
1956 3161
1960 3418
1970 4064
2005 6376
2008 6436

Politik

Seit der Gemeindegebietsreform von 1972 ist Moordorf der bevölkerungsreichste Ortsteil der Gemeinde Südbrookmerland. Ortsvorsteher ist Stefan Kleinert (SPD).

Lag früher der Schwerpunkt bei den Wahlen bei der KPD, entwickelte sich Moordorf nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Hochburg der SPD. Schon bei der ersten Bundestagswahl im Jahre 1949 wurde die SPD mit fast 30 % Wahlsieger (SPD: 29,4 %; KPD: 25,4 %; CDU: 13,5 %; DP: 8,7 %; FDP: 8,2%; DRP: 6,3 %). In den nächsten Jahren konnte die SPD ihren Stimmanteil weiter ausbauen. In den 1990er Jahren erzielte die SPD Ergebnisse um die 70 %. 2005 erhielt die SPD bei den Bundestagswahlen 69,0 % (CDU: 14,2 %; Grüne 4,1 %; FDP 4,8 %; Die Linke: 5,3 %, NPD: 1,9 %).[2]

Ein eigenes Wappen hat die ehemalige Gemeinde Moordorf vor der Gemeindegebietsreform nicht geführt.

Wirtschaft und Infrastruktur

Wirtschaft

Moordorf ist das größte Wirtschaftszentrum der Gemeinde Südbrookmerland mit Marktplatz, Geschäften und Banken. Das Einzugsgebiet Moordorfs geht weit über die Ortsgrenzen hinaus. Produzierendes Gewerbe ist allerdings stärker in einem verkehrsgünstig an der Einmündung der B 72 in die B 210 gelegenen Gewerbegebiet im wenige Kilometer entfernten Georgsheil vertreten. Ein kleines Gewerbegebiet an der Kreisstraße 118 für das örtliche Gewerbe ist in Planung. Die Landwirtschaft spielt nur noch eine geringe Rolle. Sie wird vornehmlich im Nebenerwerb ausgeführt. Ein gewichtiger Anteil der Bevölkerung findet nach wie vor im Volkswagenwerk Emden Arbeit. Insgesamt ist Moordorf ein Auspendler-Ort.

Verkehr

In Moordorf treffen die B 72/B 210, die zwischen Georgsheil und Aurich auf derselben Trasse verlaufen, auf die Kreisstraße 118, die von Moordorf in Richtung des Hauptortes Victorbur führt. Eine weitere Kreisstraße führt von Moordorf in südliche Richtung nach Wiegboldsbur, eine dritte in nordöstliche Richtung in den Auricher Stadtteil Tannenhausen.

Die Ortsdurchfahrt von Moordorf und der weitere Verlauf der Bundesstraße bis Aurich zählen zu den am stärksten befahrenen Abschnitten der Bundesstraßen in Ostfriesland. Die enge Ortsdurchfahrt von Moordorf wird täglich von gut 17.700 Fahrzeugen benutzt. Davon ist jedoch ein nicht unwesentlicher Anteil Ziel- und Quellverkehr; Moordorf ist der zentrale Einkaufsort der Gemeinde Südbrookmerland. Um den Verkehrsfluss zu beschleunigen, ist die Ortsdurchfahrt bis 2009 ausgebaut und um Abbiegerspuren ergänzt worden.

Die nächstgelegene Autobahn-Anschlussstelle ist Emden-Mitte, wo die B 210 auf die A 31 (Emden-Bottrop) trifft.

Die 1967 geschlossene Bahnstrecke durch den Ort wurde 2008 wieder reaktiviert, allerdings nur für den Güterverkehr wieder erschlossen. Heute ist Moordorf durch Busverbindungen in den öffentlichen Nahverkehr eingebunden. Die nächstgelegenen Bahnhöfe befinden sich in Emden (Fernverkehr) und Marienhafe (Regionalverkehr).

Bildung und Schulen

Freie Waldorfschule Ostfriesland

Im Schulzentrum Moordorf befinden sich die gemeinsame Haupt- und Realschule sowie die Förderschulen mit dem Bereich Lernen (Hinnerk-Haidjer-Schule) und Geistige Entwicklung (Astrid-Lindgren-Schule). Für die Grundschule wurde in den letzten Jahren ein neues Gebäude an der Ringstraße errichtet. Das ehemalige Grundschulgebäude an der Schultrift beherbergt seit Beginn des Schuljahres 2006/07 die Freie Waldorfschule Ostfriesland, die erste und bislang einzige ihrer Art in der Region.

Gymnasiale Beschulung wird am Ulricianum in Aurich bzw. an dessen Außenstelle im Südbrookmerlander Ortsteil Moorhusen sichergestellt. Berufsbildende Schulen befinden sich in Aurich, Emden und Norden (die drei Schulen stimmen ihr Angebot aufeinander ab, so dass möglichst keine Doppelangebote entstehen). Eine Integrierte Gesamtschule befindet sich ebenfalls in Aurich. Die nächstgelegene Fachhochschule ist in Emden, die nächstgelegene Universität in Oldenburg.

Religion

Martin-Luther-Kirche

Die überwiegende Mehrheit der Dorfbewohner ist evangelisch-lutherischen Glaubens. Die Kirchengemeinde wurde 1886 gegründet, davor war Moordorf Teil der Kirchengemeinde Victorbur. Eine eigene Kirche hat der Ort seit 1893.

Friedhöfe gibt es jedoch erheblich länger. Bereits 1776 wurde der erste auf den Ländereien der neu eingerichteten Schule angelegt. 1895 wurde der Friedhof an der heutigen Kirche eröffnet. Bereits 1935 sollte er erweitert werden. Umgesetzt wurde dieses Vorhaben jedoch erst in den 1950er-Jahren.

Heute hat die Gemeinde mehr 5.000 Mitglieder.[9]

Statistiken über die Religionszugehörigkeit der restlichen Dorfbewohner liegen nicht vor.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Die Moordorfer Kirche vor 1908- noch ohne Turm

Bauwerke und Museen

Das Moormuseum Moordorf beschäftigt sich mit der Moorkolonisierung. Als Museum der Armut hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die schwierige Entwicklungsgeschichte des Ortes aufzuzeigen. Auf der drei Hektar großen Freifläche stehen mehrere nachgebaute Kolonistenhütten und -häuser, von nachgebauten Plaggenhütten der ersten Siedler über die Lehmbauten späterer Bewohner bis zu den Kolonistenhäusern, die teilweise bis in die 1960er Jahre das Ortsbild prägten.

Die Martin-Luther-Kirche wurde am Ende des 19. Jahrhunderts im neuromanischen Stil errichtet. Anfang der 1890er-Jahre begannen die Planungen für den Bau. Möglich wurde dies durch ein großzügiges Gnadengeschenk des Kaisers in Höhe von 18.000 Mark. Damit war fast die Hälfte der Baukosten abgedeckt.[9] Am 19. November 1893 wurde die Kirche geweiht. Der Altar ist ein Geschenk der Grafen von Wedel.[2]

1908 erhielt sie einen Glockenturm und zwei neue Glocken, von denen sich eine noch heute im Turm befindet. Von der Orgel, die 1895 von Johann Diepenbrock aus Norden gebaut wurde, sind noch das Gehäuse und zwei von insgesamt sieben Registern original. Die Firma Alfred Führer renovierte 1976 das Instrument von Grund auf. 1978 erfolgte eine grundlegende Renovierung der Kirche. Im Jahr 2005 wurde ihr der Name Martin-Luther-Kirche verliehen. Die Kirchengemeinde hat zwei volle Pastorenstellen.

Sport

Größter Sportverein im Ort ist der Fußballverein SV Ostfrisia Moordorf, der gegenwärtig 14 Mannschaften aufbieten kann. Der Boßelverein BV Ostfrisia Moordorf feierte 2001 den 70. Jahrestag seines Bestehens. Er hat rund 250 Mitglieder. Daneben gibt es im Ort noch zwei Schützenvereine, einen Reitverein sowie mehrere Kleintierzuchtvereine.

Persönlichkeiten

  • Hermann Bontjer, ehemaliger SPD-Landtagsabgeordneter im niedersächsischen Landtag.
  • Albert Meyer (1895–1981), Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Moordorf und Mitglied des Auricher Kreistags bis 1933. Nach dem Krieg wurde er zum städtischen Beigeordneten ernannt und war Angestellter der Kreisverwaltung für die Betreuung von Flüchtlingen und die Entschädigung ehemaliger KZ-Gefangener. 1946 bis 1947 war er Gemeindedirektor in Moordorf, später Kreissekretär der KPD. Er wurde in den Kreistag gewählt, dessen Mitglied er bis 1953 blieb.[2]
  • Jobst Schaefer (* 1912), Kreistags- (1952–1980) und Landtagsabgeordneter (1959–1963) für die CDU.
  • Herbert Schnoor, Innenminister a. D. des Landes Nordrhein-Westfalen, aufgewachsen in Moordorf.[10]

Einzelnachweise

  1. Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 33
  2. a b c d e f g h i j Ingrid Hennings: Moordorf
  3. Biographisches Lexikon für Ostfriesland: Biographie Albert Meyer
  4. Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 75
  5. Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 76
  6. a b Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 30
  7. Horst Rechenbach: Moordorf: Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte und zur sozialen Frage, Berlin 1940
  8. Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9. S. 80 ff
  9. a b Kirchenkreis Aurich: Moordorf Martin-Luther-Kirche, gesehen 1. August 2011.
  10. Weißer Rabe. In: Der Spiegel. Nr. 52, 1987, S. 29 (21. Dezember 1987, online).

Literatur

  • Jürgen Hoogstraat: Die ersten Siedler von Moordorf 1766–1817. Ein familienkundliches Arbeitsbuch. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1997, ISBN 3-932206-05-3.
  • Hinrich Schoolmann: Pioniere der Wildnis. Aus der Geschichte der Kolonie Moordorf. Dunkmann, Aurich 1973.
  • Theo Meyer: Urkolonisten. Die Anfänge der ostfriesischen Moorkolonie Moordorf. Centaurus, Pfaffenweiler 1996, ISBN 3-89085-994-1.
  • Andreas Wojak: Moordorf. Dichtungen und Wahrheiten über ein ungewöhnliches Dorf in Ostfriesland. Temmen, Bremen 1992, ISBN 3-926958-83-9.

Weblinks

 Commons: Moordorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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