Trichterbecherkultur

Trichterbecherkultur
Trichterbecherkultur
Zeitalter: Jungsteinzeit
Absolut: ca. 4200 v. Chr. bis 2800 v. Chr.
Ausdehnung
Leitformen

Trichterbecher, Kragenflaschen, Feuerstein- und Felssteinbeile, Begleitkeramik

Die Trichterbecherkultur (Abkürzung TBK) ist eine archäologische Kultur der Jungsteinzeit (des Neolithikums) (ca. 4200–2800 v. Chr.) im nördlichen Mitteleuropa und dort die erste bäuerlich geprägte Kultur (Nordisches Frühneolithikum).[1] Sie folgt im Norden der Ertebølle-Kultur, im Elbe-Saale-Gebiet den bäuerlichen Kulturen der Bandkeramik und der Rössener Kultur.

Der Begriff wurde 1910 von Gustaf Kossinna eingeführt, nach dem typischen Becher mit Trichterrand. Ein Gliederungsvorschlag der Trichterbecherkultur erfolgte erstmals 1932 durch den polnischen Archäologen Konrad Jażdżewski.[2][3]

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Zeitlicher und räumlicher Ursprung der Trichterbecherkultur sind noch nicht befriedigend geklärt. Sehr frühe 14C-Daten (4400 v. Chr.) aus (Sarnowo, bis 1945 Schamau im südlichen Ostpreußen) sind unzuverlässig, da die verwendeten Holzkohleproben einer Grube entnommen wurden, die unter dem zu datierenden Objekt (kammerloses Hünenbett) liegt. Damit ergibt sich allenfalls ein terminus post quem, also eine früheste zeitliche Untergrenze.

Verlässlichere Daten (von verkohlten Speisekrusten an Keramikscherben) ergaben Ausgrabungen im westlichen Ostseeraum, so etwa am Fundplatz Wangels, dessen trichterbecherzeitliche Besiedlung 4100 v. Chr. beginnt. Da hier zu jeder Probe auch die δ13C-Werte gemessen wurden, kann eine Verunreinigung durch "altes Wasser" (Reservoireffekt) bei mehreren Daten recht sicher ausgeschlossen werden.[4]

Inzwischen wird für die Herausbildung der TBK vor allem die Rolle der frühen Kupferimporte betont. Diese waren im Norden bereits den späten Jägern und Sammlern der Ertebøllekultur zugänglich und könnten als Prestigegüter zu ideologisch-sozialen Veränderungen geführt haben, während sich die ökonomische Struktur nur langsam hin zu einer Subsistenzwirtschaft entwickelte. Der Zusammenhang eines Auftretens von Kupferobjekten und der Neolithisierung des Gebietes lässt sich sowohl im westlichen Ostseeraum, als auch in Polen und in voralpinen Regionen (z.B. Pfyner Kultur, Mondseekultur) herstellen.[5]

Verbreitung

Die TBK fand ihre Maximalausdehnung von der Rheinmündung über Südskandinavien - Weichsel - bis etwa zum westlichen Dnepr-Ufer. Sie grenzte südlich im Frühneolithikum an die Michelsberger Kultur, im Spät-Neolithikum an die Wartberg-Gruppe. Josef Kostrzewski unterschied folgende Untergruppen:

Chronologie

Zur groben zeitlichen Einteilung werden im Allgemeinen die Begriffe Ältere und Jüngere Trichterbecherkultur benutzt. Die TBK kann außerdem je nach Region in Zeitstufen unterteilt werden. Diese Stufen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer materiellen Kultur und orientieren sich vorrangig an der jeweils hergestellten Keramik und deren Verzierung.

Im schleswig-holsteinischen Verbreitungsgebiet der TBK, für das relativ gesicherte C14-Daten vorliegen, ergibt sich z.B. folgende Einteilung:

  • Ältere TBK bzw. Nordisches Frühneolithikum (FN) mit den Kulturstufen
    • Wangels-Phase (4200 - 3900 v. Chr.)
    • Siggenebben-Phase (3900 - 3700 v. Chr.)
    • Satrup-Stufe (3700 - 3500 v.Chr.)
    • Fuchsbergstufe (3500 - 3300 v. Chr.)
  • Jüngere TBK bzw. Nordisches Mittelneolithikum A (MN A) mit den Kulturstufen MN A I bis V (3300 - 2800 v. Chr.)

In anderen Regionen der TBK werden davon abweichende Chronologieschemata mit anderen Kulturstufen verwendet. Dies begründet sich mit zeitlichen und typologischen Differenzen.

Umwelt

Die TBK entwickelt sich im späten Atlantikum, erfährt aber etwa 3700 v. Chr. den Klimawandel des Subboreal mit etwas trockenerem und kühlerem Klima als im Atlantikum, aber noch höheren Durchschnittstemperaturen als heute.

Materielle Kultur

Trichterbecher

Keramik

  • Die für alle Gruppen und Stufen der Kultur namengebenden Trichterbecher haben ein leicht bauchiges Unterteil und über der Gefäßschulter ein trichterartiges Oberteil.

Die Trichterbecher mit komplexen Mustern gehören zu den schönsten Objekte aus Keramik im Bereich der Trichterbecherkultur (TBK) 4200-2800 v. Chr. In Dänemark ragt der um 3200 v. Chr. entstandene Trichterbecher von Skarpsalling heraus. Die kurzlebige (leicht zerstörbare) Keramik ist für Archäologen, ein wichtiges Hilfsmittel (man spricht von Leitfossil) wenn sie Zeitstellung eines Fundes oder Fundplatzes ermitteln sollen. Die u.U. durch die Thermolumineszenzmethode]] datierbare Keramik kann in verschiedene Stilrichtungen von kürzerer oder längerer Dauer (z.B. die Tiefstichkeramik nach H.-J. Beier regional zwischen 3500 und 3000 v. Chr.) untergeteilt werden. Dadurch können die Entwicklung der Keramik (in Material, Form und Dekor) und das Alter der verschiedenen Funde bestimmt werden.

  • Amphoren haben einen bauchigen Gefäßkörper und meist zylindrischem oder leicht trichterförmigem Hals sowie zwei oder vier Ösenhenkel am Halsansatz oder auf dem Gefäßbauch.
  • Typisch, wenn auch seltener sind Kragenflaschen, kleine Gefäße mit kugeligem oder birnenförmigem Körper. Das Oberteil ist wie ein Flaschenhals ausgebildet und weist eine kragenförmige Ausstülpung auf.
  • Scheiben aus Ton dienten vielleicht als Backteller zur Zubereitung von Fladenbrot.
  • Besonders große Gefäße wurden als Vorratsspeicher im Siedlungsgelände eingegraben. [6]
Spitznackiges Beil
Dünnnackiges Beil
Dicknackiges Beil

Beile

Charakteristisch sind Felsgestein- und Feuersteinbeile, die als Statussymbole oder zur Holzbearbeitung verwendet wurden. Die Steinbeile sind in der Regel überschliffen, die Form ändert sich im Laufe der TBK von spitznackigen über dünnnackigen hin zu dicknackigen Beilen. Die beiden letzteren wurden in Typen durchnummeriert [7].

  • Dünnackige Beile erscheinen im Frühneolithikum C und sind in den mittelneolithischen Stufe I (a Troldebjerg und b Klintebakken) mit dem Typ I vertreten. Der Typ II ist für die mittelneolithische Stufe II (Blandebjerg) typisch.
  • Dicknackige Beile vom Typ III erscheinen in der mittelneolithischen Stufe III (Bundsø). Der Typ IV in der Stufe IV (Lindø); der Typ 5 in der Stufe 5 (Store Valby).

Werkzeuge

Daneben gibt es die üblichen steinzeitlichen Werkzeuge aus Feuerstein, etwa Schaber und Pfeilspitzen.

Sonstiges

Bei den wenigen Kupferfunden handelt es sich um Importe.

Siedlungen

Die wenigen bisher bekannten Hausgrundrisse stammen von kleinen ovalen Gebäuden mit einer zentralen Pfostenreihe. Gebäude, die als Langhäuser mit Inneneinteilung gedeutet wurden, gelten inzwischen als Gräber. In Dänemark wurden auch die Køkkenmøddinger (Muschelhaufen) der mesolithischen Ertebølle-Kultur weitergenutzt. Der rechteckige Hausgrundriss von Flögeln (Kreis Cuxhaven) wurde inzwischen mehrfach nachgebaut.

Monumentalbauten zwischen 3500 v. Chr. und 800 n. Chr.

Monumentalbauten

Erdwerke

Erdwerke wurden in der TBK während zweier Phasen errichtet. Die Anlagen der ersten Phase gehören in die Stufen FN II und MNA I, also etwa zwischen 3500 und 3100 v. Chr. Als charakteristisch gelten deren parallele Grabenreihen, die nicht immer gleichzeitig und durchgängig waren, und meist aus einer Aneinanderreihung von länglich-ovalen Gruben bestanden. Palisaden sind nur für einige der Anlagen belegt, jedoch ist aufgrund von Erosionserscheinungen mit diesbezüglichen Verlusten zu rechnen. Heute sind für die TBK etwa 40 Erdwerke bekannt, die jedoch meist nur durch kleinräumige Notgrabungen untersucht wurden. Zu den am besten erforschten zählen Büdelsdorf in Schleswig-Holstein und Sarup auf Fünen in Dänemark.

Zum Ende der TBK und im Übergang zur Streitaxtkultur (MNA V - MNB I, um 2800 v. Chr.) wurden in einer zweiten Phase auf Seeland, Bornholm und Schonen erneut Einhegungen errichtet, die jedoch nur aus einer oder mehrerer Palisadenreihen bestanden, Gräben wurden nicht ausgehoben. Bei der Anlage von Vasagård auf Bornholm lässt sich dabei eine Ortskontinuität fassen - hier war schon in der ersten Phase ein Erdwerk angelegt worden. Die einzige nahezu vollständig ausgegrabene Palisadeneinhegung der TBK liegt in Hyllie bei Malmö (Südschweden).

Die Deutung dieser Einhegungen ist für keine der beiden Phasen geklärt. In der skandinavischen Forschung geht man derzeit von einer Funktion als Kult- oder Versammlungsplatz aus. Eine Nutzung als Befestigungsanlage, wie früher oft vermutet wurde, ist aufgrund der fehlenden Innenbebauung und der stark segmentierten Gräben nahezu ausgeschlossen. Auffällig sind die wiederholt gefundenen Deponierungen ganzer Gefäße oder durch Feuer zerstörter Flintbeile.

Megalithanlagen

Ab 3800 v. Chr. wurden große Erdhügel als Vorläufer der Megalithanlagen gebaut.[8] Zwischen 3500 und 2800 v. Chr. wurden etwa 10.000 Megalithanlagen als Steinkammern fast generell aus Findlingsblöcken, zumeist mit Überhügelungen und Einfassungen errichtet. In Deutschland sind von einst vielleicht 5000 zum Teil recht eindrucksvollen Megalithanlagen nur noch etwa 900 (davon 443 in Mecklenburg-Vorpommern und 121 in Schleswig-Holstein) erhalten. Konzentrationen finden sich auf Rügen und im Eversdorfer Forst (in Mecklenburg-Vorpommern), im Haldenslebener Forst in Sachsen-Anhalt, in der Wildeshauser Geest (die Kleinenknetener Steine), sowie in der Lüneburger Heide in Niedersachsen (Sieben Steinhäuser und die Oldendorfer Totenstatt). Die Megalithanlagen in Polen, den Niederlanden und Südskandinavien sind i.d.R. ebenfalls der TBK zuzuordnen. Als südwestlichstes Steinkammergrab, das der TBK zuzuordnen ist, gelten die Düwelsteene bei Heiden im Kreis Borken.

Neben der Bestattung in Megalithgräbern finden sich auch Hockerbestattungen im Boden, als auch Brandbestattungen. Als Beigaben treten häufig die namensgebenden Becher auf.

Wirtschaftsweise

Die Menschen des nördlichen Mitteleuropas und Skandinaviens hatten fast 2.000 Jahre länger an einer mesolithischen Jägerkultur festgehalten als die südlich von Ihnen lebenden Bandkeramiker. Eine sesshafte, von der Landwirtschaft geprägte Lebensweise trat hier erstmals mit der Trichterbecherkultur auf.[1] Neben Ackerbau und Viehhaltung spielten Sammeln und Jagd weiterhin eine wichtige Rolle, hier gibt es jedoch starke regionale Unterschiede. An der Ostsee (besonders in Dänemark) ist Fischen und Sammeln von Mollusken ebenso wie die Jagd auf Robben und Wale nachgewiesen. Auch aus Ostpolen sind Siedlungen bekannt, die über 60% Wildtierknochen aufweisen.

Sozialstruktur

Einige Autoren vermuten eine gesellschaftliche Hierarchie, an deren Spitze Häuptlinge und Priester standen. Festgemacht wird dies vor allem an den arbeitsaufwendigen Monumentalbauten, zu deren Errichtung eine hierarchische Gesellschaftsstruktur vorausgesetzt wird. Zumindest für das nördliche Verbreitungsgebiet der TBK lässt sich dagegen eine segmentäre Gesellschaft glaubhaft machen. Hier waren die Erdwerke und Megalithbauten wohl Zeichen einer ausgeprägten Ritualisierung intergruppaler Beziehungen, deren Zweck in der Konfliktbeilegung bzw. -vermeidung vermutet wird [9].

Literatur

Allgemein

  • Magdalena Midgley: TRB Culture. The First Farmers of the North European Plain, Edinburgh 1992. (Standard-Überblickswerk)
  • Jens Lüning: Steinzeitliche Bauern in Deutschland - die Landwirtschaft im Neolithikum. Bonn, 2000, ISBN 3-7749-2953-X (Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie; Bd. 58)

Norddeutschland / Südskandinavien

  • Mats P. Malmer: The Neolithic of South Sweden - TRB, GRK, and STR, Stockholm 2002.
  • Ingeborg Nilius: Das Neolithikum in Mecklenburg zur Zeit und unter besonderer Berücksichtigung der Trichterbecherkultur, Schwerin 1971.
  • Ewald Schuldt: Die mecklenburgischen Megalithgräber, Berlin 1972.

Mitteldeutschland

  • Eberhard Kirsch: Beiträge zur älteren Trichterbecherkultur in Brandenburg, Potsdam 1994.
  • Johannes Müller: Soziochronologische Studien zum Jung- und Spätneolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet (4100-2700 v. Chr.). Vorgeschichtliche Forschungen 21. Rahden, Leidorf 2001.

Kult

  • Torsten Madsen: Ideology and social structure in the earlier Neolithic of south Scandinavia. A view from the sources. In: Analecta Praehistoria Leidensia 29, 1997, 75-81.
  • Walkowitz J.E.: Das Megalithsyndrom. Band 36 in Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas, 2003, ISBN 3-930036-70-3

Einzelnachweise

  1. a b Almut Bick: Die Steinzeit. Theiss WissenKompakt, Stuttgart 2006. ISBN 3-8062-1996-6
  2. Konrad Jażdżewski: Zusammenfassender Überblick über die Trichterbecherkultur. Prähistorische Zeitschrift 23, 1932, S. 77-110.
  3. Konrad Jażdżewski: "Kultura pucharów lejkowatych w Polsce zachodniej i środkowej". Poznań, 1936.
  4. Sönke Hartz und Harald Lübke: Zur chronostratigraphischen Gliederung der Ertebølle-Kultur und frühesten Trichterbecherkultur in der südlichen Mecklenburger Bucht. In: Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 52, 2004, 119-143.
  5. Lutz Klassen: Frühes Kupfer im Norden. Århus 2000.
  6. Hilthart Pedersen: Die jüngere Steinzeit auf Bornholm, München & Ravensburg 2008.
  7. M. Rech Studien zu Depotfunden der Trichterbecher- und Einzelgrabkultur des Nordens 1979. Offa Bd. 39 S. 25
  8. J. Müller in: Archäologie in Deutschland 2/2011, S. 19
  9. Torsten Madsen: Ideology and social structure in the earlier Neolithic of south Scandinavia. A view from the sources. In: Analecta Praehistoria Leidensia. 29, 1997, 75-81.

Weblinks

 Commons: Funnelbeaker culture – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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