Politischer Mord

Politischer Mord

Ein politischer Mord ist die vorsätzliche, ungesetzliche oder illegitime Tötung einer Person aus politischen Motiven. Das Opfer hat in der Regel einen aus Sicht des Urhebers der Tat unerwünschten politischen Einfluss, oder der Urheber erwartet sich von der Ermordung eine für ihn vorteilhafte politische Entwicklung.

Historisch gesehen bezieht sich der Begriff fast ausschließlich auf das Attentat auf einzelne, hochgestellte Persönlichkeiten.[1] Das Konzept des individuellen politischen Mords lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Der politische Mord unterscheidet sich einerseits von der Todesstrafe, die durch Hinrichtung vollzogen wird, durch seinen illegalen Charakter. Andererseits liegen die Unterschiede zu einem gewöhnlichen Mord in den politisch motivierten Interessen bzw. ideologischen Implikationen, sowie in der Tatsache, dass der Auftraggeber und der Ausführende (Auftragsmörder) meist verschiedene Personen sind. Als Tyrannenmord kann der politische Mord in wenigen Ausnahmefällen auch ethisch gerechtfertigt oder sogar gesetzlich legitimiert sein, etwa durch das Widerstandsrecht nach Artikel 20 des deutschen Grundgesetzes.

Seit der Antike wurde der politische Mord auch immer wieder zur Ausschaltung ganzer Gruppen innenpolitischer Gegner eingesetzt, bis hin zum Massenmord. Im 20. Jahrhundert war dies vor allem eine Domäne von Diktaturen und autoritären Staaten, wobei die Opferzahlen vor allem in ideologisch bedingten Konflikten teilweise in die Millionen gingen.[2] Bisweilen wird auch der politisch, ethnisch oder religiös motivierte Völkermord als politischer Mord bezeichnet.[3] Der amerikanische Politologe Rudolph Rummel führte für den politisch motivierten Massenmord durch eine Regierung, in Anlehnung an den Begriff Genozid, den Begriff des Politizids ein. Diesen definierte er als the murder of any person or people by a government because of their politics or for political purposes.[4]

Das Tatmotiv kann die Ausschaltung eines Konkurrenten, Kritikers, Andersdenkenden oder einer Person sein, die über illegale oder politisch heikle Aktivitäten des Auftraggebers informiert ist und diese veröffentlichen könnte. Auch Politiker, die für eine mächtige Person, Interessensgruppe oder ein Unternehmen nachteilige Entscheidungen treffen, können zum Ziel politischer Morde werden. Zu den typischen Opfern gehören neben Staatsmännern, Politikern und politischen Aktivisten in jüngerer Zeit auch zunehmend Journalisten.

Ist der Urheber eine Regierung oder regierungsnahe Institution, wird den Morden zuweilen durch Schauprozesse eine Scheinlegalität verliehen oder die Tat komplett geheim gehalten, zum Beispiel beim Verschwindenlassen politischer Gegner.[5] Politisch motivierte Massenmorde durch Regierungen an eigenen Bürgern werden auch als Politizid oder, allgemein gefasster, als Demozid bezeichnet.[4]

Andere Morde verschaffen der Tendenz nach autokratischen Machthabern erst Vorwände, ihre Repressions- und Terrormaßnahmen noch zu verschärfen. Im Jahre 1819 folgten auf die Ermordung August von Kotzebues durch Karl Ludwig Sand unmittelbar die Karlsbader Beschlüsse zur Bekämpfung und Überwachung liberaler und nationaler Tendenzen in Deutschland. Die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan lieferte 1938 dem NS-Regime den willkommenen Anlass zur „Reichskristallnacht“.[6]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Ermordung Abraham Lincolns. Lithographie um 1865

Einer der ersten bekannten Fälle ist das Attentat der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton, die 514 v. Chr. Hipparch, den Bruder des Tyrannen Hippias, getötet hatten. Auch Philipp von Makedonien, der Vater Alexanders des Großen, wurde ermordet. Das berühmteste Opfer eines Tyrannenmordes aus der Antike ist jedoch Julius Cäsar, der am 15. März 44 v. Chr. von einer Gruppe Senatoren um Brutus und Gaius Cassius Longinus während einer Senatssitzung im Theater des Pompeius in Rom mit 23 Dolchstichen ermordet wurde. Spätere römische Kaiser ließen immer wieder ihre Gegner bzw. Rivalen umbringen (Caligula, Britannicus, Domitian, Commodus, Caracalla usw.), zu ihren Opfern gehörten jedoch auch christliche Märtyrer.

Die Religionskriege der frühen Neuzeit verbanden religiöse mit politischen Motiven. Sie forderten einige prominente Opfer, darunter die französischen Könige Heinrich III. und Heinrich IV., führten jedoch in der Bartholomäusnacht 1572 auch zu Gewaltexzessen mit bis zu 10.000 Toten in Frankreich. Im Zeitalter der Aufklärung gewannen ideologische Motive zunehmend an Bedeutung. Eines der bekanntesten Mordopfer der Französischen Revolution ist Jean-Paul Marat. Die Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. durch den revolutionär gesinnten Adligen Johan Jacob Anckarström lieferte den Stoff für Verdis Oper Ein Maskenball.

Im 19. Jahrhundert entwickelten europaweit Revolutionäre, darunter der Russe Bakunin und der Franzose Paul Brousse, unter dem Schlagwort Propaganda der Tat die theoretischen Grundlagen des Anarchismus und Nihilismus, die zu einer Reihe von politischen Morden führten, zu deren Opfern unter anderem Zar Alexander II. gehörte. Auch John Wilkes Booth, der Mörder des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, war bei seinem Attentat von politischen Motiven angetrieben, da er unzufrieden mit dem Ausgang des Sezessionskrieges war und die Erteilung des Stimmrechts an die Afroamerikaner ablehnte.

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts führten zunehmend nationalistische Beweggründe zu politischen Morden. Zu den Opfern von Nationalisten gehören der französische Sozialist Jean Jaurès und der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand, dessen Ermordung im Attentat von Sarajevo als Auslöser des Ersten Weltkrieges angesehen wird, sowie Mahatma Gandhi.

Die zunehmende Gewalttätigkeit von Vertretern des rechten Spektrums führte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, worauf die Fememorde in der Weimarer Republik folgten, zu deren Opfern Matthias Erzberger und Walter Rathenau gehörten. In Italien gilt die Ermordung des Sozialisten Giacomo Matteotti als Beginn der faschistischen Diktatur Mussolinis.

Die Nationalsozialisten nutzten Mord systematisch als Mittel zur Ausschaltung innenpolitischer Gegner, vor allem von Kommunisten und Sozialdemokraten. Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme richtete sich diese Gewaltbereitschaft auch gegen potenzielle Konkurrenten Hitlers innerhalb des Machtapparats. 1934 kam es deshalb zum so genannten Röhm-Putsch, und im selben Jahr wurde Engelbert Dollfuß, der Begründer des austrofaschistischen Ständestaats, nach einem ersten erfolglosen Attentatsversuch 1933 während des Juliputsches in Österreich von einem österreichischen Nationalsozialisten namens Otto Planetta ermordet. Das Attentat auf Ernst vom Rath durch Herschel Grynszpan am 7. November 1938, dem der deutsche Legationssekretär in Paris zwei Tage später erlag, war eine Reaktion auf die „Polenaktion“, bei der Grynszpans Eltern zusammen mit über 15.000 polnischen Juden aus Deutschland nach Polen abgeschoben wurden. Die Tat diente jedoch dem NS-Regime als willkommener Vorwand zur Durchführung der „Reichskristallnacht“ am 9. November. In seinem 1938 erschienenen Buch Politischer Mord und Heldenverehrung rechtfertigte der nationalsozialistische und antisemitische Jurist Friedrich Grimm den politischen Mord als "Tötung in außergewöhnlicher Zeit".[7] Hitler selbst entging mehrere Male dem Versuch eines Tyrannenmordes, bekannt sind die Anschläge von Georg Elser 1939 und das gescheiterte Attentat vom 20. Juli 1944.

Gedenkmarsch mit Fotos von Ermordeten zum Anlass des dreißigsten Jahrestages des Militärputsches in Argentinien, März 2006.

Einige Monate nach der Oktoberrevolution kam es zur Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewiki. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts kam es vor allem im Zuge des Spannungsfelds zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu politisch-ideologisch motivierten Massenmorden. So ließ der sowjetische Diktator Stalin in den 1930er Jahren durch die Stalinschen Säuberungen mehrere Millionen politische Gegner ermorden. In Indonesien kam es nach dem bis heute ungeklärten Staatsstreich „G30S“ vom 30. September 1965 zu einem Massenmord an tatsächlichen oder vermeintlichen Kommunisten, dem zwischen 100.000 und eine Million Menschen zum Opfer fielen. In den 1970er und 1980er Jahren töteten rechtsgerichtete südamerikanische Militärdiktaturen im Rahmen so genannter Schmutziger Kriege hunderttausende von mehrheitlich linksgerichteten Oppositionellen (Desaparecidos). Die kommunistischen Roten Khmer wollten Kambodscha mit Gewalt in eine Art Agrarkommunismus überführen. Von 1975 bis 1978 brachten sie dazu nach Schätzungen etwa 1,4 bis 2,2 Millionen ihrer Landsleute um, die sie als hinderlich oder schädlich für diesen Prozess ansahen (Näheres hier).

Das Konzept der Stadtguerilla wurde in den 1960er Jahren entwickelt. Es geht auf die Tupamaros in Uruguay zurück, die als gewaltlose Gewerkschaftsbewegung begannen, sich ab 1970 jedoch mit der Entführung und Ermordung hochgestellter Persönlichkeiten sowie Anschlägen in den Großstädten radikalisierten. In Europa fanden sie unter anderem Nachahmer in Gruppen in West-Berlin und München sowie in der RAF und den italienischen Roten Brigaden, die 1978 den ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro entführten und ermordeten.

Bis heute haben Morde an hochgestellten Persönlichkeiten weitreichende politische Konsequenzen. So führte die Ermordung des Präsidenten von Ruanda Juvénal Habyarimana im April 1994 unmittelbar zum Völkermord in Ruanda, und nach der Ermordung des israelischen Premierministers und Friedensnobelpreisträgers Jitzchak Rabin 1995 geriet der Oslo-Friedensprozess ins Stocken. Das Attentat auf John F. Kennedy und das Attentat auf Martin Luther King waren und sind bis heute Anlass für Verschwörungstheorien.

Der chilenische Präsident Salvador Allende starb 1973 bei einem Putsch. Nachdem Pinochet die Macht ergriffen hatte, sagte US-Außenminister Henry Kissinger, dass die Vereinigten Staaten „es nicht getan haben“ (den Putsch selbst), aber dass sie „die größtmöglichen Voraussetzungen geschaffen haben.“[8] Dokumente belegen, dass die US-Regierung und die CIA den Sturz Allendes 1970 angestrebt haben (Project FUBELT). Im Zeitraum vor dem Putsch steigerten die USA ihre Militärhilfe an Chile massiv.

Seit den späten Siebzigerjahren geraten zunehmend Journalisten ins Kreuzfeuer der Auftragsmörder, unter anderem in Italien (Mino Pecorelli), vor allem jedoch in Russland (z.B. Anna Politowskaja und Anastasia Baburowa - siehe Medien in Russland).

Siehe auch Pressefreiheit#Tod_von_Journalisten.

Der politische Mord in Literatur und Film

Literatur/Theater

Film

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eintrag in Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1908
  2. Rudolph J. Rummel: Death By Government. Transaction Publishers, 1997, ISBN 1560009276, S. 1f.
  3. Ulrike Claudia Hofmann: Der Terminus "politischer Mord" in: Historisches Lexikon Bayerns
  4. a b Rudolph J. Rummel: Death By Government. Transaction Publishers, 1997, ISBN 1560009276, S. 31
  5. amnesty international: Niemand darf "verschwinden"! Abgerufen am 24. Januar 2010.
  6. Michael Sommer: Politische Morde. Vom Altertum bis zur Gegenwart. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005, ISBN 3534185188, S. 15
  7. Grimm: Politischer Mord und Heldenverehrung. Deutscher Rechtsverlag, Berlin 1938, S. 32
  8. Peter Kornbluh: The Kissinger Telcons: Kissinger Telcons on Chile. National Security Archive Electronic Briefing Book No. 12, 26. Mai 2004, (online)

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