Schweizer Reduit

Schweizer Reduit
Das Schweizer Reduit: die durchgezogene Linie zeigt das eigentliche Rückzugsgebiet
Getarnte Turmkanone einer Schweizer Festung
Getarnte Schiessscharten der Sperre Euschels (CH/FR) Zitat: Die Werke auf dem Euschels gehören zum Besten was im Raum der 1. Div. gebaut wurde. (Persönlicher Stab des Generals 19. Juni 1944)

Das Schweizer Reduit (französisch Réduit national, aus dem Französischen für Verschlag oder Raum) ist ein System aus militärischen Verteidigungsanlagen in den Schweizer Alpen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es zum Inbegriff des Widerstands der Schweiz gegen das Deutsche Reich – zum einen ihres Widerstandswillens, zum anderen der militärischen Widerstandsfähigkeit der Schweizer Armee in der Alpenfestung.

Inhaltsverzeichnis

Anfänge des Schweizer Réduits

Der Bau einer Festung am Alpenübergang über den Gotthard begann bereits 1886, kurz nach Eröffnung der Gotthardbahn. Diese Alpenfestung nach den Plänen von Generalstabschef Max Alphons Pfyffer von Altishofen wurde bis 1920 erweitert in den Räumen Airolo, Andermatt, Oberalppass sowie Furka- und Grimselpass. Der Schweizer Generalstab sah nach dem Ende des Ersten Weltkrieges jedoch keine Notwendigkeit mehr, sich auf einen grossen Angriff vorzubereiten. In der Zwischenkriegszeit wurde mehrheitlich der Meinung vertreten, Befestigungen hätten ihre militärische Bedeutung verloren. Die Errichtung der französischen Maginot-Linie von der Schweizer Grenze bis nach Belgien ab dem Jahre 1930 und ähnlicher Anlagen in der Tschechoslowakei (der sogenannte Tschechoslowakische Wall), Holland und Belgien, liess dann aber auch beim Schweizer Militär den Festungsgedanken wieder aufleben.

1934 folgte die Aufforderung an den Bundesrat, der Befestigungsfrage mehr Beachtung zu schenken. Dies fiel zeitlich mit einem Arbeitsbeschaffungsprogramm zusammen, das der Bundesrat 1934 vorbereitete. Mit dem Bau neuer Befestigungen konnte indes nicht sofort begonnen werden, da das Wissen um den Bau solcher Anlagen nicht mehr auf dem Stand der damaligen Waffentechnik und Strategie war. 1935 wurde darum das Büro für Befestigungsbauten wieder ins Leben gerufen, mit dem Auftrag, entsprechende Baugrundlagen und Techniken zu erarbeiten und zu testen. Ab 1937 war die Schweiz dann wieder bereit, dem Stand der Technik angepasste Befestigungsanlagen in Serie zu errichten. Die spätere Konzentration der Befestigungen auf den Alpenraum war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgesehen.

Reduit – Strategie von General Guisan

Errichtung neuer Befestigungen ab 1937/1939

Artilleriewerk Ebersberg A5438 am Rhein bei Rüdlingen: Geschützstand 1 mit Tarnung

General Henri Guisan hat die Idee der Alpenfestung wiederbelebt und erweitert. Angesichts der akuten Bedrohung und den Möglichkeiten einer seit Jahrzehnten vernachlässigten Armeerüstung, erkannte er als einzig mögliche Lösung:

  1. Verteidigung und Befestigung der Grenzgebiete und Verzögerungskampf im offenen Mittelland
  2. Vorbereitung und Ausbau eines befestigten Kerngebietes in den Alpen, um ein kleines Hoheitsgebiet zu erhalten, welches nach dem Krieg die Souveränität der Schweiz belegen könnte.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden zunächst neue Festungen im Schweizer Grenzgebiet, wie in Vallorbe und am Rhein. Diese Grenzbefestigungen gehören, wie auch die Befestigungen im Mittelland, nicht zum Réduit. Neue Anlagen wurden am Gotthard und in den bestehenden Festungen von St-Maurice und (weitgehend neu) in Sargans errichtet.

Das «Réduit national» als Antwort der Schweiz auf die Einkreisung 1940

Im Frühjahr 1940 wurden Pläne für das Réduit erstellt. Die Hauptunterschiede bestanden in der vorgesehenen Grösse, wobei zwei Lösungen zu engeren Auswahl standen:

Die konsequenteste Lösung stellte der Plan German dar, ein kompaktes Réduit, das durch Gebirgstruppen verteidigt werden sollte. Der Plan Gonard, der schliesslich verwirklicht wurde, umfasste hingegen ein ausgedehnteres System, unter Einschluss der drei befestigten Zonen Sargans, Gotthard und St-Maurice. Der Plan war benannt nach Oberstleutnant Samuel Gonard (1896–1975), damals Chef des persönlichen Stabes des Generals und der eigentliche operative Kopf der Schweizer Armee. General Guisan und sein Generalstabschef mussten entscheiden, bis zu welchem äussersten Grad der Konsequenzen in Bezug auf das Réduit sie unter Umständen gehen mussten. Die Anordnungen bauten alsdann auf Überlegungen strategischer und taktischer Natur auf.

Diese bestanden darin, schrittweise in eine Verteidigungsstellung im Zentralraum überzugehen, ohne Verzug, und damit einer Taktik der Verteidigung in der Tiefe zu folgen.

„GEHEIM […] V. Ich habe folgenden Entschluss gefasst. Die Verteidigung des Landes wird nach einem neuen Grundsatz organisiert werden, demjenigen der Staffelung in der Tiefe. […] Die Widerstandsstaffeln werden sein:

  • die Grenztruppen
  • eine vorgeschobene oder Sicherungsstellung
  • eine Alpen- oder Zentralraumstellung (réduit national), die im Osten, Westen und Süden durch
  • die einbezogenen Befestigungen von Sargans, St-Maurice und des Gotthard flankiert wird. […]
Die diesen drei Widerstandsstaffeln zugewiesenen Aufträge sind die folgenden:
  • derjenige der Grenztruppen bleibt aufrecht;
  • die vorgeschobene oder Sicherungsstellung sperrt die Einfallsachsen in das Innere des Landes;
  • die Truppen der Alpen- oder Zentralraumstellung halten, mit grösstmöglichen Vorräten versehen ohne jeden Gedanken an Rückzug. […]
IV. Aber es ist vor allen Dingen wichtig, dass die Bevölkerung auf keinen Fall in der Richtung auf das Réduit zurückströmt, wo sie den Erfolg der Operation in Frage stellen und nicht über genügend Vorräte verfügen würden.“

Schreiben des Generals an den Bundesrat vom 12. Juli 1940

Nach der Umzingelung der Schweiz nach dem Fall Frankreichs im Juni 1940 gab General Guisan am Rütlirapport vom 25. Juli 1940 den Plan bekannt, im Falle eines Angriffs der Achsenmächte die Verteidigung der Schweiz auf das Gebiet der Hochalpen mit den wichtigen Passübergängen, vor allem dem Gotthardmassiv zu konzentrieren und alle Zufahrten zu den Bergen notfalls zu zerstören.

Bunker der Limmatstellung im Wasserschloss (gehört nicht zum Réduit)

Am 23. Juni 1940 – zwei Tage nach der Kapitulation Frankreichs – hatte Guisan den Befehl zur Einstellung der Befestigungsarbeiten in den bisherigen Stellungen erlassen. Nur noch letzte Fertigstellungsarbeiten sollten durchgeführt werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Befestigungsbau noch auf die Grenzzonen (Artilleriewerke Rüdlingen, Heldsberg), Sargans, Linthebene, Limmatstellung, nördlicher Jura mit Hauenstein sowie Saint-Maurice konzentriert. Die Bauarbeiten umfassten neben eigentlichen Festungen auch Infanteriestände, Geschützstellungen, Panzerhindernisse, Kommandoposten, Militärstrassen, Unterkünfte usw.

Drei dieser Gebiete – Sargans, St-Maurice und die Linthebene – gehören zum Réduit, die übrigen Bereiche gehören zur „vorgeschobenen Stellung“, die den grössten Teil des Mittellandes umfasst. Diese vorgeschobene Stellung verlief von Sargans im Nordosten entlang Zürichsee und Limmat bis in den Raum Hauenstein von dort weiter westwärts über den Jura zum Jolimont zwischen Neuenburgersee und Bielersee, weiter über den Wistenlacherberg und anschliessend von Murten an die Saane. Allerdings war die vorgeschobene Stellung von Réduit-Beginn an nicht allzu stark ausgebaut. Der General selbst hatte anlässlich einer Generalstabs-Besprechung vom 7. Juli 1940, also relativ kurz vor dem Réduit-Bezug, betont, dass einschliesslich Grenztruppen „nur vier Divisionen vorne verbleiben, die ganze übrige Armee wird im Zentralraum eingesetzt“[1]. Zivilbevölkerung und Schlüsselindustrien waren also bereits von Réduit-Beginn weg nicht sehr gut geschützt.

Aufträge während der Réduit-Besetzung

Einheit Kommandant Auftrag Einsatzraum
4. Armeekorps Labhart Sperrt den Zugang zum Gotthard  
Festung Sargans    
6. Division[2] Oberstdivisionär Herbert Constam (1938–1943), Oberstdivisionär Marius Corbat (1944–1946)   zwischen Zugersee und Zürichsee
7. Division      
5. Division     Sargans bis rechtes unteres Aare Ufer
3. Leichte Brigade   Verzögerungskraft  
2. Armeekorps Prisi sperrt Zugang vom Brünig, linkes Ufer des Vierwaldstättersees  
4. und 8. Division      
2. Leichte Brigade   Verzögerungskraft  
1. Armeekorps Borel Sperrt das obere Aaretal, schützt den Zugang zum Réduit in den westlichen Voralpen  
3. Armeekorps Lardelli Sperrt den Zutritt zu Gotthard von Südwesten, Süden und Osten  
9. Division     Gotthard
12. Brigade     Graubünden
9. Grenzbrigade     Becken von Bellinzona

Das 1. Armeekorps war am stärksten dotiert. Es verfügte über die 1., 2. und 3. Division, die 10. Gebirgsbrigade, die 1. Leichte Brigade und über die Festung St-Maurice.

Ab dieser Zeit bildete die Luftwaffe die einzige Reserve des Generals. Auch die Armeekorps konnten nicht mehr als ein Regiment als taktische Reserve abstellen.

Akzentuierung der Reduit-Strategie im Mai 1941

Mit dem Operationsbefehl Nr. 13 vom 24. Mai 1941 wurde die Konzentration auf die Verteidigung des Réduit noch verstärkt. Mit diesem Befehl wurde die vorgeschobene Stellung als operative Stellung aufgegeben, die endgültige Aufstellung praktisch der gesamten noch mobilisierten Schweizer Armee (zwei Drittel der Bestände waren nach dem Waffenstillstand in Frankreich demobilisiert worden[3]) sollte fortan im Réduit erfolgen. Diese Konzentration der Verteidigung stand unter dem Eindruck des Balkanfeldzugs vom April 1941. Dabei hatte die deutsche Wehrmacht in nur 23 Tagen Jugoslawien und Griechenland überrannt; der Vorgang bestätigte einerseits die hochgradige Aggressivität des nationalsozialistischen Deutschlands, andererseits aber den geringen Verteidigungswert von Mittelgebirgen als Hindernisse gegen angreifende Panzertruppen. Die Schweizer Armeeführung, die noch über keine nennenswerte eigene Panzerwaffe verfügte, zog mit der weitestgehenden Konzentration der Landesverteidigung auf das Hochgebirge die logische Konsequenz.

Von der Grenze durchs Mittelland sollte im Kriegsfall also nur noch ein Verzögerungskampf geführt werden. Das dichtbevölkerte Mittelland und damit alle wirtschaftlichen Zentren des Landes wären notfalls rasch preisgegeben worden. Diese Planung für den Ernstfall war nicht unumstritten.

Die Grenze des Réduits

Getarnte Schiessscharte (Pak) der verbunkerten Sperre Jaun (CH/FR)

Verlauf und Abgrenzung des Schweizer Réduits unterlagen bis Mitte der 1990er Jahre der Geheimhaltung. Seit jeher war aber bekannt, dass das Réduit rund ein Viertel des Schweizer Territoriums umfasste, auch der Umriss ist im Grossen und Ganzen schon seit langem öffentlich bekannt. Die Zentralraumstellung umfasste im Wesentlichen den Alpenraum ohne den grösseren Teil Graubündens und weitgehend auch ohne das Tessin. Die Nord- und Westgrenze des Réduits verlief ausgehend von der Festung Sargans im Nordosten (und gegen den Uhrzeigersinn) folgendermassen:

Entlang der Landesgrenze mit Liechtenstein nach Norden bis etwa Sevelen, von dort nach Westen über den Faulfirst zum Walensee, an dessen Südufer entlang durch die Linthebene bis zum Ostende des Zürichsees, an dessen südlichem Ufer entlang bis etwa Wollerau/Richterswil, von dort ungefähr entlang der Linie Schindellegi-Raten-Oberägeri-Walchwil quer durch den Kanton Zug, weiter nach Küssnacht zum Vierwaldstättersee, diesen nutzend bis etwa Hergiswil NW, von dort weiter in Richtung Südwesten über die Berge Pilatus, Riegenstock, Schafmatt, Hengst und Hohgant nach Heiligenschwendi und Oberhofen am Thunersee. Quer durch den See bis Einigen/Spiez, von dort weiter in Richtung Südwesten entlang der Stockhornkette vom Stockhorn bis zur Kaiseregg. Weiter über den befestigten Euschelspass (1567 m) über die Dents Verts zur Südspitze des Greyerzersees (Lac de la Gruyère) bei Broc. Dem Schutz dieses Abschnitts dienten die Artilleriewerke Jaunpass und Gross Tosse. Von Broc aus verläuft die Grenze des Réduits im weiten Bogen über die Berge Le Moléson, Dent de Lys zum östlichen Ende des Genfersees bei Montreux. Schliesslich quer durch die östliche Spitze des Sees westlich Port-Valais zur französischen Grenze am Tour de Don und weiter nach Süden bis zum Grossen St.-Bernhard-Pass (2469m), der die südwestliche Ecke des Réduit markiert.

Die Südgrenze des Réduit verläuft von diesem Punkt aus gut 100 Kilometer weit in Richtung Osten bis zum Griespass entlang der Landesgrenze mit Italien, und folgt damit weitestgehend dem Alpenhauptkamm, der in den Walliser Alpen am Monte Rosa 4634 Meter Seehöhe erreicht. Grössere Geländebefestigungen erübrigten sich hier, die wenigen hoch gelegenen Alpenübergänge, von denen bis heute nur der Simplonpass ausgebaut ist, waren leicht zu sperren. Der im Zweiten Weltkrieg und in den Jahrzehnten danach gefürchtete massive Angriff mit Panzern, motorisierter Infanterie und schweren Waffen war von dieser Seite her nicht zu gewärtigen.

Vom Griespass aus verlässt die Grenze des Réduits die Landesgrenze in Richtung Nordosten zum Nufenenpass und verläuft weiter am Alpenhauptkamm über den Piz Rotondo zum St.-Gotthard-Pass. Der Festungskomplex um den Sankt Gotthard, das Zentrum des gesamten Réduits, markierte also zugleich dessen Südgrenze. Der vorgelagerte Kanton Tessin war zwar ebenfalls in weiten Teilen stark befestigt und sollte intensiv verteidigt werden, er gehörte aber nicht zum Réduit. Rund acht Kilometer östlich des St. Gotthard verlässt die Grenze des Réduit den Alpenhauptkamm und wendet sich nach Norden entlang der Bündner Kantonsgrenze zum Oberalppass. Dieser Grenze folgt die Südgrenze des Reduits weiter über den Oberalpstock und die Glarner Alpen bis zu Ringelspitz und Kunkelspass, von dort weiter im Bogen nach Nordosten an Chur vorbei über den Vilan zur Liechtensteiner Grenze.

Wichtigste Festungen und weitere Ausstattung

Festung Furggels: einer der 7,6 km langen Gänge in der Festung
Furggels: Mannschaftsunterkunft
Furggels: teilweise enttarnter Panzerturm mit 10,5-cm-Turmkanone
Furggels: zerlegte 15-cm-Bunker-Kanone mit Scharte von Innen

Zu den wichtigsten Festungen des Réduits gehörten die genannten Festungswerke Sargans und St-Maurice sowie der Sankt Gotthard als Zentrum:

  • St. Maurice: Dailly – "Les Planaux"
  • Gotthard: Airolo – "Foppa Grande", Gotthard – "San Carlo", Andermatt – "Gütsch", Furka – Fuchsegg
  • Sargans: "Magletsch", "Kastels", Furggels

Diese Anlagen waren mit aller notwendigen Infrastruktur ausgerüstet. Neben den Waffensystemen wurden auch Unterkünfte, Küchen, Operationsstellen, Krankenzimmer und Bäckereien in die Festungen mit eingebaut.

Die durch natürliche Hindernisse nicht oder nur unzureichend geschützten Teile der Réduit-Linie wurden mit mehreren Tausend künstlichen Hindernissen und Geländebefestigungen aller Art, etwa Strassensperren, Panzergräben und betonierten Höckersperren („Toblerone-Sperren“) befestigt. Uferhindernisse an den Seegrenzen und massive Gebäudemauern in Siedlungen an der Réduit-Grenze komplettierten die Abwehr-Vorbereitungen. Im Kriegsfall wären zweifellos zahlreiche Minenfelder, Stacheldrahtverhaue und künstliche Überflutungen (namentlich der Linth-Ebene) hinzugekommen. Fest zur Réduit-Strategie gehörte ausserdem die Vorbereitung der Sprengung vieler Brücken und Tunnel, so zum Beispiel der Rheinbrücken in Basel, aber auch die Sprengung „normaler“ Strassen- und Eisenbahnabschnitte, um mögliche Einfallwege für einen potenziellen Angreifer unbenutzbar zu machen.

Militärflugplätze im Réduit

Die Réduit-Strategie liess wichtige Militärflugplätze ausserhalb der zur Verteidigung vorgesehenen Grenzen. Unter grossem Zeitdruck wurden darum im Berner Oberland mehrere neue Militärflugplätze geschaffen, ganz im Westen des Réduit bei Saanen, im Simmental die beiden Militärflugplätze Sankt Stephan BE und Zweisimmen, im Kandertal Reichenbach und Frutigen, schliesslich im Zentrum Interlaken und Meiringen.

Die Anlagen Frutigen, Reichenbach, Zweisimmen, St. Stephan und Saanen wurden im Zuge der Armeereform von 1995 entweder aufgelassen oder werden seitdem zivil genutzt. Anfang der 1940er Jahre schätzte die Schweizer Bundesregierung die Kosten für die neu zu errichtende Flugplatzgruppe im Berner Oberland mit den fünf Plätzen Frutigen, Reichenbach, Zweisimmen, St. Stephan und Saanen auf 1,88 Millionen Franken. Geplant waren so genannte Feldstützpunkte mit Rasenrollfeldern und -pisten sowie einem kleinen Hangar, auf Flugzeughallen, Tanklager und Munitionsdepots wurde verzichtet. Die Kosten waren wegen der ungünstigeren topographischen Bedingungen dennoch deutlich höher als bei den bis dahin gebauten Flugplätzen im Mittelland.

Ende November 1941 meldete das Kommando der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, dass die Flugplätze Reichenbach, Frutigen und Zweisimmen mit Pisten von jeweils 90 bis 100 m Breite und 800 bis 1000 m Länge „jederzeit verwendungsfähig“ seien. Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt noch keiner der Plätze ganz fertiggestellt, nur Reichenbach war für alle Flugzeugtypen benutzbar. Noch im November 1942 hiess es, die Plätze seien bei anhaltendem Regenwetter „noch etwas weich und müssten geschont werden“. Versuchsweise wurden zum Kriegsende hin auch sog. Retablierstollen (Tunnel im Berg mit Rollweg verbunden) statt Hangare einzeln erstellt.

Baukosten bis 1945

Die Baukosten des Réduit bis zum Kriegsende 1945 beliefen sich laut einem Bericht der „Luzerner Zeitung“ vom 10. Juni 2006 auf 657 Millionen Franken, das sind in heutiger Kaufkraft etwa acht Milliarden Franken. Ein grosser Teil der dabei errichteten Bauten wurden im Zuge der Armeereformen seit 1995 aufgegeben und ihre Geheimhaltung aufgehoben, einige werden aber weiterhin militärisch genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Änderung der Réduit-Strategie seit 1990/1995

Die grossen Festungswerke hatten Besatzungen von 100 bis 600 Mann. Diese grosse Zahl der für den Betrieb notwendigen Leute stand ab ca. 1990 in keiner Relation mehr zur Waffenwirkung aus den Anlagen, vor allem aber zur völlig veränderten Bedrohungslage seit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts. Viele der Anlagen wurden vor allem seit der Armeereform von 1995 zurückgebaut. Einige wenige wurden in Museen umgewandelt und können besichtigt werden. Neben jenen Werken, in denen Waffen platziert waren, wurden auch Anlagen gebaut, um Verbrauchsgüter aufzunehmen. In diesen Werken wurden und werden zum Teil noch heute Waren und Einrichtungen wie Lebensmittel, Ersatzteile für die Armee, Treibstoff, Reparaturwerkstätten, Produktionsanlagen für Medikamente, Anlagen für die Erstellung von Zeitungen eingelagert oder eingebaut.

Geheimhaltung und Legenden

Infolge der strengen Geheimhaltung sind viele Gerüchte und Legenden entstanden. Einem der Gerüchte zufolge existiert auch ein getarnter Flughafen in den Schweizer Bergen. Angeblich gibt es ein riesiges Tor im Gestein, durch das die Kampfflugzeuge heraus- und wieder hineinfliegen können. Eine weitere solche Legende besagt, dass der Gotthard so durchlöchert sei, dass man hinter dem Zeughaus Erstfeld hereinfahren und bei Bodio wieder ans Tageslicht kommen könne.

Mythos Réduit

Das Bild der von allen Seiten eingeschlossenen, aber sich tapfer verteidigenden Schweiz, wie es durch das Réduit symbolisiert wird, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum nationalen, insbesondere von der Aktivdienstgeneration gepflegten Mythos. Im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung lebte er im Kalten Krieg weiter. So diente bei der Schweizerischen Landesausstellung 1964 in Lausanne ein riesiger Igel aus Beton als Sinnbild für die Schweiz im fortdauernden Réduit. Heutige Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Dritte Reich nicht primär durch das Réduit von einem Angriff auf die Schweiz abgehalten wurde. Es waren gemäss z. B. Jürg Fink (Die Schweiz aus der Sicht des Dritten Reiches, 1985) diverse Faktoren militärischer und ziviler Natur, der wichtigste davon wohl, dass bei einem deutschen Einmarsch die vorbereiteten Sprengungen an den schweizerischen Rüstungsfabriken aktiviert worden wären, die ab August 1940 gemäss eines von Deutschland erpressten Handelsabkommens zuweilen fast nur für die deutsche Wehrmacht und für das faschistische Italien arbeiteten.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Haltung, dass die neutrale Schweiz bei internationalen Organisationen wie der UNO nicht Mitglied werden solle, als Ausdruck des „Réduit-Denkens“ beschrieben.[4]

Siehe auch

Weiterführende Informationen

Literatur

  • Hans-Rudolf Maurer (Hrsg.): Geheime Kommandoposten der Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. Projekte, Bauten und der Mobile Kommandoposten. Verlag Merker im Effingerhof, Lenzburg 2001, ISBN 3-85648-120-6.
  • Willi Gautschi: General Henri Guisan. Die schweizerische Armeeführung im Zweiten Weltkrieg. 4. durchgesehene Auflage. Verlag NZZ, Zürich 2001, ISBN 3-85823-516-4.
  • Roberto Bernhard: Das Reduit. Mythen und Fakten. Militärischer Notbehelf, Rettungsanker der Nation, Mythos, Gegenmythos. Institut Libertas, Biel/Bienne 2007, ISBN 978-3-9521464-4-6.
  • Inventar der Kampf- und Führungsbauten. Eidg. Dep. für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Bereich Bauten, Bern. 11-teiliges Werk, erschienen zwischen 1999 und 2006.
Die einzelnen Teile sind online als PDF verfügbar bei armasuisse, z. B. für die Kantone Glarus, AI/AR und St. Gallen
  • Hand Rudolf Fuhrer, Walter Lüem, Jean-Jacques Rapin, Hans Rapold, Hans Senn: Die Geschichte der schweizerischen Landesbefestigung. Orell Füssli, Zürich 1992, ISBN 3-280-01844-7.
  • Stefanie Frey: Switzerland's Defence and Security Policy during the Cold War (1945–1973). Verlag Merker im Effingerhof, Lenzburg 2002, ISBN 3-85648-123-0.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Edgar Bonjour: Geschichte der schweizerischen Neutralität. Vier Jahrhunderte eidgenössischer Aussenpolitik. Band 9: Dokumente. 1939–1946. Helbing und Lichtenhahn, Basel u. a. 1976, ISBN 3-7190-0677-8.
  2. Robert Gubler: Felddivision 6. Von der Zürcher Miliz zur Felddivision 1815–1991. 2. unveränderte Auflage. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2003, ISBN 3-03823-062-6.
  3. Jakob Tanner: „Réduit national“ und Aussenwirtschaft. Wechselwirkungen zwischen militärischer Dissuasion und ökonomischer Kooperation mit den Achsenmächten.In: Philipp Sarasin, Regina Wecker (Hrsg.): Raubgold, Reduit, Flüchtlinge. Zur Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Chronos, Zürich 1998, ISBN 3-905312-56-5, S. 81–103.
  4. Bundesrat Leuenberger im Dez. 2001

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