Mehringplatz

Mehringplatz
Blick durch das Hallesche Tor nach Norden auf den Belle-Alliance-Platz mit Bauten der Gründerzeit im Stil des Historismus. Im Vordergrund die Belle-Alliance-Brücke über den Landwehrkanal
(Photochromdruck um 1900)

Der Mehringplatz liegt im nordwestlichen Teil des Berliner Ortsteils Kreuzberg und ist einer von drei bedeutenden Plätzen, die bei der Stadterweiterung Alt-Berlins um 1730 angelegt wurden. Er bildet den südlichen Endpunkt der Friedrichstraße. Sein Kennzeichen ist ein Brunnen mit der 1843 errichteten Friedenssäule. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Platz vollständig zerstört und danach mit veränderter Straßenführung und neuer Bebauung wieder hergestellt. Das Neubaugebiet um den Platz gilt heute als sozialer Brennpunkt und Präventionsgebiet.

Inhaltsverzeichnis

Namensgebung

Der Platz 2006 (Blick nach Norden)

Von 1734 bis 1815 hieß der Platz wegen seiner runden Grundform Das Rondell, in anderer Schreibweise Rondel oder Rondeel am Halleschen Thore. Am 22. Oktober 1815 wurde er umbenannt und hieß nun bis 1946 Belle-Alliance-Platz. Anlass für die Umbenennung war die Schlacht bei Waterloo vom 18. Juni 1815, in der englische und preußische Truppen unter Wellington und Blücher die Armee Napoleons entscheidend besiegten. Blücher benannte die Schlacht später nach dem Gehöft Belle-Alliance, südlich von Waterloo in Belgien gelegen, in dem er mit dem englischen Heerführer zusammentraf. Wellington gab der Schlacht den Namen des Dorfes Waterloo, in dem er sein Hauptquartier hatte.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges schien es nicht mehr angebracht, mit dem Namen eines prominenten Platzes an einen Triumph der preußischen Militärgeschichte zu erinnern. Seit 1946 hieß das Gelände Franz-Mehring-Platz, seit dem 31. Juli 1947 in verkürzter Form Mehringplatz. Namensgeber war der Publizist, Politiker und marxistische Historiker Franz Mehring. Im nahe gelegenen Gebäude Lindenstraße 3 hatte er von 1906 bis 1911 an der Parteischule der SPD unterrichtet.

Geschichte bis 1945

Die Friedenssäule auf dem Belle-Alliance-Platz

Friedrich I., ab 1701 König in Preußen, hatte damit begonnen, seine Residenzstadt Berlin dadurch aufzuwerten, dass er ab 1688 die Friedrichstadt, eine Vorstadt außerhalb des alten Stadtkerns, anlegen ließ. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. (der „Soldatenkönig“) baute sie erheblich aus. Die Friedrichstadt wurde unter Leitung des Oberbaudirektors Philipp Gerlach nach Süden bis zum Halleschen Tor erweitert. Es war eines von vierzehn Toren in der neuen Zollmauer (Akzisemauer), die der König rings um die Stadt errichten ließ. In den Jahren 1732 bis 1734 entstanden unmittelbar hinter dieser Mauer drei repräsentative Plätze, die zunächst nach ihren Grundrissen benannt wurden: Im Westen das Viereck, auch Karree oder Quarrée (der heutige Pariser Platz), und das achteckige Oktogon (heute der Leipziger Platz), im Süden das Rondell, heute Mehringplatz, dessen städtebauliches Vorbild die Piazza del Popolo in Rom war. Die drei großen Nord-Süd-Verbindungen der Friedrichstadt – mit der Friedrichstraße als Hauptachse in der Mitte, westlich davon die Wilhelmstraße und östlich die Lindenstraße – wurden auf dem Rondell zusammengeführt. Über die Plätze hinter den Zollschranken wurden Menschen und Waren in die verschiedenen Stadtteile weitergeleitet.

Der Platz um 1750 mit Blick nach Süden: Vorn Linden-, Friedrich- und Wilhelmstraße, hinten das Hallesche Tor und die Zollmauer
Der Platz 1882 (Blick nach Südwesten)
Der Platz 1900 (Blick nach Nordosten)

Rondell und Hallesches Tor waren während der Napoleonischen Kriege Schauplätze besonderer Ereignisse, immer unter großer Anteilnahme der Bevölkerung: Hier zogen 1806 die Besatzungstruppen Napoleons in die Stadt ein, hier verließen sie die Stadt im Jahre 1813 wieder. Im August desselben Jahres rückten durch dieses Tor die preußischen Truppen und ihre Verbündeten zur Schlacht bei Großbeeren aus, wo sie den Franzosen eine schwere Niederlage zufügten und so die erneute Besetzung Berlins verhinderten.

Die hygienischen Verhältnisse blieben lange katastrophal, Abwässer aller Art flossen offen in den Rinnsteinen. Nach einer Überschwemmung im Jahre 1829 erhielt der Platz 1834 eine Kiesaufschüttung von 1,25 Meter Höhe. In einer zweiten Phase wurde der nochmals höher gelegte Platz 1839 mit einer repräsentativ gestalteten Grünanlage versehen. Inzwischen hatte auch die Entwicklung zur gutbürgerlichen Wohngegend begonnen, eine Tendenz, die sich in den folgenden Jahrzehnten verstärkt fortsetzte. Die ursprüngliche Bebauung hatte aus einfachen, schlicht verputzten zweistöckigen Häusern bestanden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschten vier- bis fünfgeschossige klassizistische Bauten das Bild, später zeigten die Fassaden die ausladenden Schmuckformen der Gründerzeit.

Nach dem Wegfall der Akzisemauer wurde um 1870 auch das Hallesche Tor abgerissen, die Ortsbezeichnung aber beibehalten. Die Nutzung des Platzes für Wochenmärkte wurde 1886 eingestellt, man brauchte Raum für die neuen Verkehrsmittel Omnibus und Straßenbahn. Seit 1902 hält die U-Bahn am Bahnhof Hallesches Tor. Je weiter sich Berlin ausdehnte, desto mehr wurde die südliche Friedrichstadt in das Berliner Zentrum integriert, damals die Machtzentrale des Kaiserreichs. Der nahe gelegene Belle-Alliance-Platz bot großbürgerlichen Wohnkomfort und eine gepflegte Umgebung. Nach und nach schmückten Skulpturen die Anlage, seit 1843 die zentral aufgestellte, 19 Meter hohe Friedenssäule mit der – aus Bronze bestehenden – Statue der Siegesgöttin Viktoria von Christian Daniel Rauch. Die Figur symbolisiert den ruhmreichen militärischen Sieg, nach preußischer Staatsauffassung eine Vorbedingung des Friedens. Das Bildprogramm des Platzes wurde 1876 erweitert durch Allegorien der vier Siegermächte von Waterloo (oder Belle-Alliance), 1879 folgten noch die Plastiken Der Friede und Die Geschichtsschreibung.

Als im Jahr 1920 die neue Stadtgemeinde Groß-Berlin gebildet wurde, fasste man die Gegend um den Belle-Alliance-Platz, die östlich angrenzende Luisenstadt und die Tempelhofer Vorstadt zum neuen Bezirk Kreuzberg (zunächst „Bezirk Hallesches Tor“) zusammen.

Das vorläufige Ende kam am 3. Februar 1945. Die Nähe zur Innenstadt, insbesondere zum Regierungsviertel an der Wilhelmstraße wurde dem Platz und seinen Bewohnern zum Verhängnis. 1500 Bomber der USAAF warfen 1½ Stunden lang Spreng- und Brandbomben auf das Gebiet nördlich des Landwehrkanals und verwandelten es in ein Trümmerfeld. Selbst diese Ruinen waren gegen Kriegsende noch hart umkämpft. Mit Barrikaden auf der Belle-Alliance-Brücke glaubte man die von Süden heranrückenden Truppen der Roten Armee aufhalten zu können. Viele Menschen starben bei diesem sinnlosen Versuch.

Baugeschichte nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Platz als „total zerstört“ eingestuft. Die ursprüngliche Verkehrsführung blieb bis in die späten 1960er Jahre erhalten, sie verlief jedoch durch kahles, unbebautes Gelände. In der völligen Zerstörung sahen Stadtplaner und Architekten auch eine Chance zu völlig neuen Entwicklungen. Der Architekt Hans Scharoun gewann einen Wettbewerb von 1959/1962 (vor bzw. nach dem Bau der Berliner Mauer) für die Bebauung des Mehringplatzes. Für Scharoun spielte die Gestaltung des sozialen Lebensraumes eine entscheidende Rolle, er propagierte die „bewohnbare Stadtlandschaft“, eine „anstelle von Straße und Straßenbild parkähnliche Grünlandschaft, in die sich die zum Block vereinten Wohnzellen hineinlagern“.

1968 übernahm der Architekt Werner Düttmann die Arbeiten am Mehringplatz von seinem Lehrer Scharoun, der 1972 starb. Die stadtplanerischen Vorgaben hatten sich inzwischen grundlegend gewandelt. Der Platz sollte nun ein verdichtetes Wohngebiet nach den Maßgaben des sozialen Wohnungsbaus werden. Da die finanziellen Mittel knapp waren, musste mit stark schematisierten Wohnmodulen gearbeitet werden. Zwei konzentrische Ringe von Wohngebäuden mit vier und sechs Stockwerken umschließen den Platz, der als reine Fußgängerzone gestaltet wurde. Zur Abschirmung gegen die damals geplante Südtangente war die Randbebauung höher. Zu ihr gehören eine Reihe von Ergänzungsbauten: Ein ehemals landeseigenes Seniorenwohnhaus (Düttmann) und westlich das AOK-Gebäude (Scharoun/Fleischer). Die historische Straßenführung wurde verändert, Wilhelm- und Lindenstraße münden seitlich in die Uferstraße am Landwehrkanal, die befahrbare Friedrichstraße endet vor dem nördlichen Zugang zum Platz.

Heutige Situation

Der Mehringplatz, 2009
Teilansicht des inneren Häuserringes, 2006.
Links: Der Friede von Albert Wolff von 1879
Mehringplatz, 2011. Plastik: Woher kommen wir, wohin gehen wir von Rainer Kriester von 1974

Neubauprojekte mit Zubringern, Wohnhäuser für sozial Benachteiligte und Hochhäuser prägen das Quartier Südliche Friedrichstadt insgesamt und auch den Mehringplatz mit seiner unmittelbaren Umgebung. Die Probleme eines sozialen Brennpunktes erforderten seit den frühen 1990er Jahren verschiedene Maßnahmen zur Aufwertung des Areals. Zwischen 1993 und 2001 wurde das Gebiet abschnittsweise saniert, in der Folge wurde unter anderem eine einheitliche Satellitenanlage für den TV-Empfang und leichteren Internet-Zugang installiert. Ein aus städtischen Mitarbeitern und Mitgliedern freier Träger und Initiativen bestehendes Quartiersmanagement hat zum Ziel, unter Beteiligung der Bewohner die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Gebiet zu verbessern. Mit Mitteln der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung werden aus einem Bewohnerfonds kleinere Vorhaben, aus einem Projektfonds größere Projekte finanziert; eine Bürger-Jury und eine Projekte-Jury entscheiden über die Umsetzung der Anträge. 2004 wurde im Rahmen des „Aktionsforums Mehringplatz“ eine Befragung der Bewohner durchgeführt, Thema war die subjektiv empfundene Wohnqualität. Man wünschte sich gepflegtere Grünanlagen und Spielplätze und beklagte den starken Konsum von Alkohol und Drogen am Platz.

Weil das Quartier um den Mehringplatz und der früher zur DDR gehörige Ortsteil Mitte nahe beieinander liegen, begann bald nach dem Fall der Berliner Mauer eine Diskussion darüber, wie die vormals getrennten westlichen und östlichen Stadtteile zusammenwachsen sollten. Während einige Stadtplaner und Architekten eine möglichst zügige Integration des Viertels in die Strukturen der neuen Berliner Innenstadt bevorzugen, befürworten andere eine behutsame, bürgernahe Politik der Restaurierung und Instandsetzung bestehender Baustrukturen.

Die historischen Bildwerke auf dem Mehringplatz sollen durch ein umfassendes Kunstvorhaben ergänzt werden. Der Verein „Kunstwelt Berlin“ arbeitet seit seiner Gründung im Juni 1999 an der Förderung und Durchführung des Projekts Das Orakel von Berlin. Für das Orakel hat die im Mai 2002 verstorbene französische Künstlerin Niki de Saint Phalle zwei monumentale Skulpturen entworfen, ein zwölf Meter hohes Sonnentor, bestimmt für den südlichen Ausgang des Platzes, und ein Mondtor für die Nordseite. 2006 wurde in der auf den Mehringplatz mündenden südlichen Friedrichstraße der Pfad der Visionäre realisiert, in den Boden eingelassene Platten mit Zitaten bedeutender Europäer. Aufgrund von Materialfehlern hielten die Abdeckplatten allerdings nur drei Jahre.[1] Ab Mai 2012 soll der Pfad erneuert und ergänzt werden. Der Mehringplatz endet an der Plastik Woher kommen wir, wohin gehen wir des Berliner Bildhauers Rainer Kriester.[2]

Im weiteren Einzugsbereich des Mehringplatzes findet man in nördlicher Richtung das traditionelle Zeitungsviertel an der Oranienstraße mit der Bundesdruckerei und an der Rudi-Dutschke-Straße (vormals: Kochstraße) mit dem Axel-Springer-Hochhaus und dem Sitz der alternativen Tageszeitung die tageszeitung (taz), unweit davon den ehemaligen alliierten Kontrollpunkt Checkpoint Charlie, der während des Kalten Krieges an der Trennlinie der geteilten Stadt stand und heute an diese Zeit erinnert. Im Nordwesten erreicht man das Gelände des einstigen Anhalter Bahnhofs, etwas weiter entfernt den Potsdamer Platz. Nordöstlich des Platzes liegt das Jüdische Museum, im Osten das zentrale Schwimmbad Kreuzbergs, das Prinzenbad. Nach Süden und Südwesten, jenseits des Landwehrkanals, schließt sich mit vielen erhaltenen Altbauten das traditionelle – im Kriege weniger zerstörte – Kreuzberg an.

Verkehrsanbindung

Der Mehringplatz ist durch den U-Bahnhof Hallesches Tor (Linien U1 und U6) sowie mehrere Buslinien, darunter die Metrobuslinie M41, an das BVG-Verkehrsnetz angebunden, der in der Nähe gelegene Anhalter Bahnhof (Linien S1, S2 und S25) bietet zudem eine Verbindung zur S-Bahn.

Literatur

  • Gudrun Maurer: Berlin & Umgebung. Michael Müller Verlag, Erlangen, 520 Seiten. ISBN 3-923278-85-3.
  • Hinnerk Dreppenstadt, Klaus Esche (Hrsg.): Ganz Berlin. Spaziergänge durch die Hauptstadt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2004, 512 Seiten. ISBN 3-89479-139-X.
  • Rainer Haubach: Berlin – Auf der Suche nach der Stadt Berlin 2002. ISBN 3-87584-852-7

Die aufgeführten Reiseführer enthalten weitergehende Informationen zum Mehringplatz und zu seiner weiteren Umgebung.

Weblinks

 Commons: Mehringplatz – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. NZZ Online: Wie erfindet man ein Stadtquartier? vom 20. Dezember 2010
  2. Werke von Rainer Kriester
52.49913.3917

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